Land der Hildegard - Hildegard von Bingen

Historisches Museum am Strom Hildegard von Bingen

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Anstecken lassen von der optimistischen Spiritualität Hildegards

Pater Anselm Grün über Kraftquellen und die therapeutische Dimension ihres Glaubens

Der Benediktinermönch Anselm Grün OSB, Dr. theol., ist vielen Menschen als Referent, geistlicher Berater und Autor bekannt. Seine mittlerweile mehr als 300 Bücher wurden in zahl-reiche Sprachen übersetzt und er-reichten bis heute mehr als 14 Millio-nen Leserinnen und Leser. Bis 2013 leitete Pater Grün 36 Jahre lang die wirtschaftlichen Belange des Klosters Münsterschwarzach und arbeitet seitdem in der Verwaltung mit.

Im „Land der Hildegard“ erleben wir seit der Heiligsprechung Hildegards 2012 ein wachsendes Interesse an dieser bedeutenden Frau des Mittelalters. Was macht die Heilige Ihrer Meinung heute noch interessant? Der hl. Hildegard ging es um die Verbindung von Glauben und Gesundheit. Ihr Glaube berücksichtigte auch die Weisheit der Natur. So hat sie die heilenden Kräfte der Natur als Gottes Geschenk an uns erkannt. Diese therapeutische Dimension des Glaubens ist auch für den Menschen von heute eine Antwort auf seine Sehnsucht nach einem gesunden und glücklichen Leben. Die andere Botschaft der hl. Hildegard ist, dass wir Gott gerade auch in der Natur erfahren können, weil die ganze Schöpfung von Gottes Geist, von Gottes Schöpferkraft, von der „viriditas = der Grünkraft“ durchdrungen ist.

Was fasziniert Sie persönlich an der Theologie der hl. Hildegard? Mich fasziniert an der Theologie der hl. Hildegard, dass ihre Mystik nicht weltfremd ist. Vielmehr schaut sie mit einem inneren Blick auf alles, was sie sieht, auf die Natur, auf die Menschen und ihr Verhalten. Und in allem erkennt sie Gottes Wirken. Und ihre Spiritualität ist geerdet. Die gute Ordnung des Tages, aber auch das Hören auf den eigenen Leib gehört zu ihrer Spiritualität. Wir sollen so mit unserem Leib umgehen, dass die Seele gerne darin wohnt.

Eines Ihrer Bücher heißt „Heil werden mit Hildegard von Bingen“. Was hat Sie dazu inspiriert? Mich hat vor allem die therapeutische Dimension des Glaubens bei Hildegard von Bingen interessiert. Das ist ein Thema, das mich bei der Interpretation der Bibel und bei der Beschreibung der christlichen Frömmigkeitsformen immer begleitet hat. Das habe ich bei Hildegard auf wunderbare Weise wieder gefunden.

Die hl. Hildegard war zu ihrer Zeit eine gefragte Ratgeberin und Mahnerin. Mit welchen Fragen suchen viele Menschen heute bei Ihnen Rat und spirituelle Anleitung? Die Menschen, die heute zum Seelsorgsgespräch zu mir kommen, haben viele Fragen. Da ist einmal die Frage nach Gott. Wie kann ich Gott erfahren? Wie kann ich an Gott glauben, wenn es soviel Leid in der Welt gibt oder wenn ich selbst vom Leid betroffen bin? Was geschieht im Tod? Wie können wir uns das ewige Leben vorstellen?

Neben diesen zentralen Glaubensfragen fragen die Menschen, wie ihnen der Glaube helfen könne, mit ihrer Angst umzugehen, mit ihren depressiven Gefühlen, mit ihrer Erschöpfung zurecht zu kommen. Sie fragen nach Wegen, die innere Quelle zu finden, aus der sie schöpfen können.

Und sie sehnen sich nach der spirituellen Erfahrung, dass es in ihnen ein Raum der Stille gibt, in der sie frei sind von den Erwartungen und An-sprüchen der Menschen, und zu dem die Verletzungen durch die Menschen nicht vordringen können.

Woher nehmen Sie die Kraft, all diesen Menschen Rede und Antwort zu stehen? Ich lasse mich mit meinem Herzen auf die Menschen ein. Aber zugleich weiß ich um den inneren Raum der Stille, zu dem die Probleme der Menschen keinen Zutritt haben. So versuche ich, immer wieder mit diesem inneren Raum in Berührung zu sein. Und ich übergebe die Probleme Gott. Ich entlasse jeden mit einem stillen Segensgebet, dass Gottes Segen die-sen Menschen begleiten und ihn wie ein schützender Mantel einhüllen möge. Ich versuche, aus der inneren Quelle zu schöpfen, die unerschöpflich ist, weil sie göttlich ist.

Welche Anregung möchten Sie unseren Lesern im Land der Hildegard mitgeben? Lassen Sie sich von der optimistischen Spiritualität der hl. Hildegard anstecken. Und trauen Sie - so möchte Hildegard Sie ermutigen - der Weisheit Ihrer eigenen Seele. Gott spricht zu jedem von uns. Sie sollen sich nicht von den Ratschlägen anderer bestimmen lassen, sondern kommen Sie durch das Lesen der Texte der hl. Hildegard in Berührung mit der Weisheit Ihrer eigenen Seele. Die Weisheit Ihrer Seele weiß, was Ihnen gut tut. In ihr spricht Gott selbst zu Ihnen und zeigt Ihnen, wie Sie leben können, damit Sie Ihrem Wesen entsprechen, damit das einmalige Bild, das Gott sich von Ihnen gemacht hat, in Ihnen immer klarer aufleuchtet.

Vielen Dank für diese Einblicke und Anregungen, Pater Anselm.

Foto: Stadt Bingen