Land der Hildegard - Hildegard von Bingen

Rochuskapelle

Für weitere Informationen klicken Sie auf das Gebäude.

Interview Kardinal Lehmann

Faszination › Meine Hildegard › Interview Kardinal Lehmann

Navigationsbaum: Faszination › Meine Hildegard › Interview Kardinal Lehmann

Die ganze Schöpfung – eine große gemeinsame Symphonie zur Ehre Gottes

Karl Kardinal Lehmann entdeckt immer wieder Neues im Werk der heiligen Hildegard

Seit über 30 Jahren ist Karl Kardinal Lehmann Bischof von Mainz. Der langjährige Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz ist nicht nur ein profunder Kenner des Gesamtwerks der heiligen Hildegard, er hat auch die Rezeption von Hildegards Botschaften in den letzten Jahrzehnten begleitet.

Warum war erst im Jahr 2012 die Zeit reif für die offizielle Heiligsprechung Hildegards? Bedurfte es dazu eines deutschen Papstes? Die Geschichte der Heiligsprechung ist recht vielgestaltig. Förmliche Heiligsprechungen rechtlichen Charakters gibt es erst in der frühen Neuzeit. Bis zu dieser Zeit war die Verehrung im Volk und in der Gegend, wo Heilige wirkten und lebten, ganz entscheidend für die Anerkennung als Heilige. Bei der Frage einer Anerkennung als Kirchenlehrerin war aber klar, dass dies verbunden sein muss mit einer „amtlichen“ Heiligsprechung im modernen Sinn. Insofern darf man die offizielle Heiligsprechung von 2012 nicht überschätzen.

Kurz nach ihrer Heiligsprechung wurde die „prophetissa teutonica“ („deutsche Prophetin“) als erste und bisher einzige Frau aus dem deutschen Sprachraum zur Kirchenlehrerin erhoben. Was bedeutet diese Auszeichnung für die katholische Kirche und darüber hinaus? Wichtig ist zunächst, dass nach drei anderen Frauen (Katharina von Siena, Theresa von Avila, Therese von Lisieux) eine weitere Frau von hohem Rang Kirchenlehrerin wurde. Vorher waren dies nur Männer. Dass neben einer Spanierin, einer Italienerin und einer Französin nun auch eine Frau aus dem deutschen Sprach- und Kulturgebiet Kirchenlehrerin wurde, ist zweifellos ein herausragendes Ereignis für unser Land. Dies darf uns jedoch nicht in einer falschen Weise stolz machen, denn eine wirkliche Heilige gehört der ganzen Kirche.

Was ist das Herausragende an Hildegards Theologie? Darauf gibt es viele Antworten, die aufgrund des umfangreichen und vielgestaltigen Werkes jeweils einen guten Grund und Sinn haben. Für mich ist die Sicht auf die ganze Schöpfung mit Engeln und Menschen, Tieren, Pflanzen und Steinen, die sie in einer großen gemeinsamen „Symphonie“ zur Ehre Gottes sieht, zentral. Der Mensch bildet zwar die Mitte, aber nicht so, dass er sich zum Herrn aller anderen Kreaturen aufwerfen darf. Dies ist eine große Botschaft für unsere Zeit. Man braucht z. B. nur an die Sünden bei unserer Tierhaltung und im Blick auf den Umgang mit den Schätzen der Erde und unserem Klima zu denken.

Sie haben 2012 gesagt, dass die Hildegard-Forschung jetzt erst richtig anfange. Wo sehen Sie einen besonders großen Forschungsbedarf?In der Zwischenzeit ist dank der großartigen Forschungs- und Veröffentlichungstätigkeit vor allem der Schwestern der Abtei von Eibingen sehr viel geschehen. Insofern war die Erhebung zur Kirchenlehrerin einerseits die Frucht vieler Forschungen und andererseits auch eine Intensivierung vieler Studien, die jetzt auf der ganzen Welt betrieben werden.

Welcher Teil bzw. welche Stelle aus dem vielfältigen Werk Hildegards fasziniert Sie am meisten? Warum? Ich kann mich nicht für eine Stelle entscheiden, weil ich viele Texte liebe: eine Vision, ein Gedicht, ein Lied, eine Schriftauslegung und vieles andere. In dem gewaltigen Werk entdeckt man auch immer wieder Neues und bisher wenig Beachtetes.

Hildegard, die „Feministin des Mittelalters“, Veilchencreme und Dinkelbrot Marke „Hildegard von Bingen“ und vieles mehr… Wie sehr stört Sie die Instrumentalisierung und Vermarktung Hildegards ohne theologischen Bezug? Zuerst stört mich in der Tat die Vermarktung des Lebens und der Werke der hl. Hildegard. Aber gerade die Erhebung zur Kirchenlehrerin hat ihre Tiefe und den Reichtum ihres Glau-bens für viele Menschen an den Tag gebracht. Deswegen kann man auch dann wieder etwas milder sein mit manchen Formen der Instrumentalisierung, wenn sie sich in einem würdigen Rahmen halten. Aber wir müssen selbst aufpassen, dass wir z. B. mit einer in diesem Licht unangemessenen Werbung für den Tourismus nicht in dieselbe Falle laufen.

Warum ist Hildegard von Bingen heute noch bzw. wieder hochaktuell? Eine so große Frau ist zu jeder Zeit aktuell. Die Moden vergehen, die Heilige mit ihren einmaligen Auszeichnungen, eben gerade als Heilige und Kirchenlehrerin, bleibt. Dies hat die Forschung der letzten Jahrzehnte eindrucksvoll herausgearbeitet. Wir entdecken ja erst wieder viele Seiten in ihrer Person und in ihren Schriften. Papst Benedikt XVI. sagte dazu: „Die Heiligkeit des Lebens und die Tiefe der Lehre macht sie für alle Zeiten aktuell.“

Welche Botschaft der Heiligen legen Sie den Hildegard-Interessierten im Jahr 2015 besonders ans Herz? Hildegard weiß um die Größe und das Elend der Menschen. Dies gilt im Blick auf seine gefährdete Stellung, besonders wenn er sich von Gott löst und sich rücksichtslos als die Mitte der Welt aufführt. Man sieht dies vielleicht nicht besser als in der sogenannten „Klage der Elemente“ aus einer späteren Schrift Hildegards, die rufen: „Wir können nicht laufen und unseren Weg demgemäß vollenden, wie unser Gebieter uns bestimmt hat. Denn die Menschen stürzen uns mit ihren bösen Werken um, wie mit einer Mühle. Daher stinken wir vor Pest und vor Hunger nach der ganzen Gerechtigkeit … Auch die Grünkraft welkt wegen des ungerechten Aberglaubens der verkehrten Menschenmassen, die jede Angelegenheit nach ihren Wünschen bestimmen und sagen: Wer ist jener Herr, den wir nie gesehen haben? … Die ganze Schöpfung strebt nach ihrem Schöpfer und versteht offensichtlich, dass einer sie erschaffen hat; der Mensch ist aber ein Rebell und zerteilt seinen Schöpfer in viele Geschöpfe.“ Der Mensch soll aber seine Fähigkeiten gebrauchen und diese Welt in aller Nüchternheit durchforschen, ja er soll sie ganz und gar durchdringen.

Foto: Bistum Mainz