Land der Hildegard - Hildegard von Bingen

Historisches Museum am Strom Hildegard von Bingen

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Hildegard-Expertin und Benediktinerin Sr. Philippa

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„Solche Menschen braucht es - damals genauso dringend wie heute“

Ihre Überschrift hier …Die Hildegard-Expertin und Benediktinerin Sr. Philippa Rath OSB über ihren Beruf und ihre Berufung

Sr. Philippa Rath OSB, ist Benediktinerin der Abtei St. Hildegard in Rüdesheim-Eibingen. Als Theologin und Logotherapeutin begleitet sie Menschen in Konflikt- und Krisensituationen. Vor ihrem Klostereintritt 1990 war die studierte Politikwissenschaftlerin und Historikerin als Journalistin tätig. Heute ist sie Vorstand der „Klosterstiftung Sankt Hildegard“, betreut den Freundeskreis der Abtei und ist verantwortlich für die Pressearbeit und den Online-Auftritt des Klosters. Außerdem ist sie die geistliche Begleiterin der kfd-Gruppe Bingen. Sr. Philippa gilt als ausgewiesene Hildegard-Expertin und hat bei der Organisation und Durchführung des Heiligsprechungsverfahrens Hildegards von Bingen maßgeblich mitgewirkt.

Jedes Jahr kommen rund 100.000 Besucher in die Abtei St. Hildegard. Mit welchen Fragen und Erwartungen?
Die meisten Besucher unserer Abtei kommen auf den Spuren der heiligen Hildegard zu uns und interessieren sich vor allem für Leben und Werk der neuen Kirchenlehrerin. Sie erwarten bei uns kompetente und authentische Auskunft und erhalten diese in Form von Vorträgen, Rundgesprächen, Workshops und Seminaren.

Wichtig ist für die Besucherinnen und Besucher auch, dass sie unsere Gemeinschaft und unseren benediktinischen Lebensentwurf im Rhythmus von Gebet und Arbeit, Einsamkeit und Gemeinschaft kennenlernen. Und schließlich, aber keineswegs zuletzt, suchen viele Menschen, die zu uns kommen, nach sich selbst, nach Sinn und nach Gott.

Was können Sie diesen Menschen mit auf den Weg geben?
Wir versuchen zunächst einmal, den Menschen ein möglichst umfassendes Bild der heiligen Hildegard zu vermitteln und die vielen Facetten ihrer ersönlichkeit und ihres Wirkens in ihrer Ganzheit aufzuzeigen. Leider wird Hildegard von Bingen ja oft nur mit einer ganz bestimmten „Brille“ betrachtet: als historische Gestalt des Mittelalters, als Heilkundige und Ärztin, als Komponistin und Musikerin, als emanzipierte Frau in der Kirche usw.

Dass sie aber auch eine große Theologin und Philosophin war und dass all ihr Denken und Tun nur auf dem Hintergrund ihrer Beziehung zu Gott und ihres benediktinischen Lebens als Ordensfrau zu verstehen ist, wird oft vergessen oder ausgeblendet. Zum Zweiten versuchen wir, die Menschen, die zu uns kommen, auf ihren Such-Wegen zu sich selbst und zu Gott zu begleiten und ihnen im wahrsten Sinne des Wortes Wegweiser zu sein.

Was fasziniert Sie persönlich an der heiligen Hildegard?
Die heilige Hildegard ist für mich eine wirklich prophetisch Gestalt der Geschichte und der Kirche: kraftvoll und mutig und im wahrsten Sinne wegweisend. Hildegard hat ihr Leben lang um die Fragen von Gott, Welt und Mensch gerungen. Das tue ich auch und das tun viele Menschen heute. Hildegard hat dabei den Glauben auf neue, bildhafte und frische Weise verkündet - und das in einer Zeit, in der die Menschen - wie heute auch - Gott zunehmend vergessen hatten. Für mich ist Hildegards Person und Werk absolut glaubwürdig und authentisch. Sie sagte, was sie dachte und sie lebte, was sie sagte. Sie war auch sehr geerdet und lebenszugewandt. Gerade darin hat sie sich als echte Benediktinerin erwiesen, die Himmel und Erde miteinander in Berührung zu bringen versucht. Das fasziniert mich. Ich denke, solche Menschen, solche Heilige braucht es, damals genauso dringend wie heute.

Wo haben Sie die Nachricht von der offiziellen Heiligsprechung Hildegards im Jahr 2012 erhalten, und was haben Sie da empfunden?
Ich habe die Nachricht von der Heiligsprechung während einer Ferienwoche auf der Insel Reichenau erhalten. Ich wollte dort noch ein bisschen auftanken für die bevorstehenden Herausforderungen nach dem so einfordernden Jahr 2011, in dem wir innerhalb von nur neun Monaten alle erforderlichen Unterlagen und Ausarbeitungen für den römischen Heiligsprechungsprozess zusammenbringen mussten.

Eine Mitschwester rief mich an besagtem 10. Mai 2012 morgens um 7.00 Uhr an. Wir hatten schon vorher für die Öffentlichkeit und auch für die Medien alles penibel vorbereitet: Pressemeldungen, eine Stellungnahme unserer Äbtissin, einen Lebenslauf der heiligen Hildegard. Auch online auf unserer Homepage war alles fertig und brauchte nur noch freigeschaltet zu werden. Allerdings rechneten wir mit Pfingsten, d.h. Ende Mai, als Termin für die Heiligsprechung. So war es uns aus Rom signalisiert worden. Dass es dann schon der 10. Mai werden würde, hatten wir nicht geahnt. Das war wohl eine einsame Entscheidung von Papst Benedikt XVI. Diesen Tag werde ich auf jeden Fall nie in meinem Leben vergessen. Mein Urlaub war dann natürlich zu Ende …

Warum haben Sie Ihr Leben Gott geweiht und sind Benediktinerin geworden?
Am Anfang jeder Berufung steht ein Ruf Gottes. Auch ich habe den eines Tages gehört, nachdem ich ihn Jahre lang überhört bzw. hintangestellt hatte, weil anderes wie Erfolg, Karriere, Freunde mir wichtiger war. Dennoch war da immer ein unerfüllter Rest, eine Sehnsucht, die Suche nach Sinn und danach, mein Leben und meinen Glauben in einer Einheit und in einer konkreten Gemeinschaft zu leben.

Mit 33 Jahren wurde mir dann klar, dass ich nicht mein Leben lang davonlaufen konnte, sondern dass ich mich irgendwann dem Ruf und dem Anspruch Gottes stellen musste. Als ich mich daraufhin in der Ordenslandschaft umschaute, bin ich sehr schnell beim heiligen Benedikt und den Benediktinerinnen gelandet.

Unsere Ordensregel fasziniert mich noch genauso wie zu Beginn. Sie atmet Weite und Weisheit. Sie ist auf Gott hin ausgerichtet und gleichzeitig überaus menschenfreundlich. Sie verbindet Gebet und Arbeit, geistliches Leben und praktisches Tun, Gemeinschaftsleben und Einsamkeit in einer für mich überzeugenden Weise und ermöglicht es jedem von uns, zu wachsen und zu reifen und irgendwann so zu werden, wie Gott sich ihn gedacht hat. Was kann es Schöneres geben?

Wie sieht Ihr Alltag aus? Sie leben im Kloster ja nicht mehr wie Hildegard vor 850 Jahren …
Unser Leben spielt sich nach wie vor im Rhythmus von Gebet, Arbeit und Gemeinschaftsleben ab - wie zu Zeiten der heiligen Hildegard. Fünfmal am Tag kommen wir zum Gebet zusammen, um Gott zu loben und zu danken und um uns selbst, aber auch die Anliegen und Nöte der Welt vor Gott zu tragen.

Da Mönche und Nonnen - wie der heilige Benedikt es in unserer Lebensregel schreibt - „von ihrer Hände Arbeit leben sollen“, gehen wir in den Arbeitszeiten sehr verschiedenen Aufgaben nach. Wir haben ein Gästehaus, einen Klosterladen, ein Klosterweingut, verschiedene Kunstwerkstätten und natürlich alles, was an Arbeiten in und ums Haus anfällt. Da wir außerdem in einem Vier-Generationen-Haus leben, betreuen wir natürlich auch unsere kranken und alten Mitschwestern selbst.

Ich persönlich habe Aufgabenfelder, die nicht unbedingt klassisch sind und die es zur Zeit der heiligen Hildegard sicher so nicht gab: ich bin verantwortlich für die Klosterstiftung, für den Freundeskreis der Abtei, für die Öffentlichkeitsarbeit und für die Homepage, über die viele Interessierte und Ratsuchende uns erreichen. Außerdem begleite ich Menschen in Krisen- und Konfliktsituationen und betreue zu bestimmten Zeiten am Tag eine demenzkranke Schwester, was für mich ein besonders bereichernder Dienst ist.

Was wünschen Sie sich für den dauerhaften Erhalt der Abtei St. Hildegard?
Ich bin überzeugt, dass Mönchtum und benediktinisches Leben zeitlos sind und grundsätzlich Zukunft haben, weil Christusnachfolge immer aktuell ist. Ebenso wie der Mut zur Bindung, der Mut zu lebenslanger Treue, der Mut zu beständiger Sehnsucht und Suche, und schließlich der Mut, sich dem oft so unbegreiflichen Willen Gottes immer neu auszuliefern.

Der heilige Benedikt und die heilige Hildegard haben uns überzeugend vorgelebt, dass man der Welt dienen kann, in dem man sie im Gebet vor Gott trägt. Sie haben uns gezeigt, dass wahrhaftiges menschliches Zusammenleben gelingen kann, wenn Gott der Dreh- und Angelpunkt des gemeinsamen Tuns und Seins ist. Darauf setze ich. Ob die Abtei St. Hildegard dauerhaft erhalten bleibt, ist für mich gegenüber diesem Grundsätzlichen eigentlich eher zweitrangig. Das überlasse ich gerne Gott. Aber die heilige Hildegard hat ihrem Konvent in einem Brief ja verheißen, dass ihr Kloster niemals zerstört wird. Auf diese Verheißung baue ich von Herzen gerne.

Vielen Dank für diese Einblicke, Sr. Philippa Rath.