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Vorbild Hildegard - Interview

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„Hildegard ist heute noch Vorbild, auch für uns politisch Verantwortliche“

Ministerpräsidentin Malu Dreyer über die Binger Heilige und die Politik

Malu Dreyer ist seit dem 16. Januar 2013 Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz und somit die erste Frau, die dieses Bundesland regiert. Im Interview erläutert die Katholikin, was sie an Hildegard von Bingen bewundert und wie ihre berufliche Karriere in die Politik führte.

Ministerpräsidentin Dreyer, was fasziniert Sie an Hildegard von Bingen? Hildegard von Bingen beeindruckt mich vor allem, weil sie das geistige und körperliche Wohlergehen aller Menschen – von Männern und Frauen – in den Mittelpunkt ihres Denkens, ihres Handelns und ihrer Lehre gestellt hat, und das in einer Welt, die wirklich komplett von Männern beherrscht war. Sie war keine Rebellin gegen die bestehende Ordnung, aber sie war sehr entschieden nicht nur in ihrem Glauben und ihren Überzeugungen, sondern auch in ihrem Rat an die Mächtigen ihrer Zeit. Respekt, Toleranz und Gerechtigkeit waren dabei ihre Maximen. Daher ist sie auch heute noch ein Vorbild – auch für uns als politisch Verantwortliche.

Sie wollten ursprünglich Religionslehrerin werden. Womit hätten Sie bei Ihren Schülern Begeisterung für die Heilige Hildegard geweckt? Soweit, dass ich mich intensiver mit Unterrichtskonzepten beschäftigt hätte, bin ich - ehrlich gesagt - in meinem Theologiestudium nicht gekommen. Aber ich glaube, bei der heiligen Hildegard gibt es viele Anknüpfungspunkte, die für Schülerinnen und Schüler attraktiv sein könnten – angefangen von der Unabhängigkeit des Denkens über die Frage der Gleichberechtigung im Wandel der Zeiten bis hin zu ganz praktischen Aspekten wie ihrer Beschäftigung mit Heilkräutern – eine Exkursion in den Binger Hildegarten beispielsweise könnte ich mir gut als Ansatzpunkt für ein Hildegard-Projekt mit einer Schulklasse vorstellen.
Ihr Berufsweg führte Sie dann allerdings nicht in die Schule, sondern in die Mainzer Staatskanzlei… Ich habe zunächst Theologie und Anglistik auf Lehramt studiert und bin dann wegen der damals absehbaren Lehrerschwemme auf Jura umgestiegen. Die Aussichten auf einen Job als Lehrerin waren sehr schlecht.

Schon sehr früh zog sich das Thema Gerechtigkeit wie ein roter Faden durch mein Leben. Als ich dann das Angebot bekam, als Bürgermeisterin in Bad Kreuznach in die Politik einzusteigen, habe ich darin eine Chance gesehen, die gesellschaftlichen Verhältnisse mitgestalten und die Lebenssituation von Menschen konkret verbessern zu können.

Politiker zu werden ist für die meisten Menschen kein erstrebenswertes Ziel. Was fasziniert Sie an Ihrem „Beruf“? Es ist ja nicht so, dass ich von Anfang an geplant hätte, in die Politik zu gehen. Ich komme aus einem sehr politischen Elternhaus, mein Vater war kommunalpolitisch aktiv, und bei uns zu Hause wurde viel und lebhaft diskutiert. Das heißt, ich war schon immer ein sehr politischer Mensch. Als sich mir der Weg in die Politik eröffnete, war es die Möglichkeit, gemeinsam mit anderen und für andere Menschen etwas zu tun, die mich reizte und die mich tatsächlich auch fasziniert.

Als Ministerpräsidentin sind Sie seit fast einem Jahr im Amt. Was war in diesem Jahr Ihre größte Herausforderung, und wie haben Sie diese gemeistert? Ein neues Amt ist ja meist eine neue Herausforderung. Unabhängig von den vielen Themen ist das Amt der Ministerpräsidentin mit einer besonderen Verantwortung verbunden. Ich finde neue Herausforderungen sehr schön, weil sie auch immer Weiterentwicklung bedeuten, und versuche meist die Chancen zu sehen, die in diesen Herausforderungen liegen. Ich arbeite mich tief in die Themen ein und führe viele Gespräche, um möglichst gute Lösungen zu finden.

Hildegard von Bingen war auch Mahnerin und Beraterin zeitgenössischer Herrscher. Welchen Ratgebern vertrauen Sie? Ich habe in meiner Umgebung viele sehr kompetente Menschen, auf deren Rat ich mich absolut verlassen kann. Dabei ist es mir sehr wichtig, gerade auch kritische Stimmen zu hören. Und einer meiner wertvollsten Ratgeber ist sicherlich mein Mann.

Wie fördert Rheinland-Pfalz das Bewusstsein für seine großen historischen Persönlichkeiten? Mal ganz abgesehen davon, dass es sicherlich immer schwierig ist, eine abschließende Liste der „großen Persönlichkeiten“ zu erstellen, gibt es eine ganze Reihe von Aktivitäten, mit denen das Land die Erinnerung an wichtige historische Persönlichkeiten aus dem Land unterstützt. Das beginnt bei der finanziellen Förderung von Gedenkstätten, Museen und Ausstellungen, geht über den Erwerb und die Pflege von Hinterlassenschaften und reicht bis zu Unterstützung von Veröffentlichungen über solche Persönlichkeiten und der touristischen „Vermarktung“ von früheren Landeskindern. Hildegard von Bingen und Johannes Gutenberg sind dafür sicher herausragende Beispiele, aber auch Karl Marx, Nikolaus von Kues, der Möbelbauer Michael Thonet, der Maler Max Slevogt oder Friedrich Wilhelm Raiffeisen könnten da genannt werden.

Auf welche Highlights dürfen wir uns im Jahr 2014 freuen? Es wird bestimmt wieder viele kulturelle, sportliche und andere Highlights im Land geben – und auch in Bingen -, aber ich gehe davon aus, dass Ihre Frage vor allem auf den Hildegard-Herbst zielt. Der Kultursommer Rheinland-Pfalz hat ja bei der Stadt Bingen bereits vor 1998 angeregt, für Hildegard von Bingen ein jährliches Festival einzurichten: den Hildegard-Herbst.

Der Kultursommer Rheinland-Pfalz fördert dieses Festival von Anfang an finanziell und begleitet es mit fachlicher Beratung. Ich gehe davon aus, dass das auch 2014 wieder so sein wird, wenn der Antrag der Stadt Bingen es möglich macht. Ich weiß auch, dass gerade über eine Weiterentwicklung der Konzeption nachgedacht wird, wie ja ohnehin in Bingen in den letzten Jahren einiges in Bewegung gekommen ist, auch, was das Thema Hildegard von Bingen angeht.

Frau Ministerpräsidentin Dreyer, vielen Dank für dieses Interview.