Land der Hildegard - Hildegard von Bingen

Historisches Museum am Strom Hildegard von Bingen

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„So fern ist das Mittelalter doch nicht“

„So fern ist das Mittelalter doch nicht“

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ZDF-Chefredakteur Peter Frey über die Aktualität Hildegards und moderne Medien

Dr. Peter Frey ist einer der bekanntesten deutschen Journalisten und seit 2010 Chefredakteur des ZDF. Der Katholik engagiert sich unter anderem als Mitglied im Beirat des kirchlichen Hilfswerks Misereor und im Zentralkomitee der deutschen Katholiken. Frey ist in Bingen geboren und aufgewachsen.

Welche Vorstellung von Hildegard hatten Sie in Ihrer Kinder- und Jugendzeit?

Es war schon etwas Besonderes, zwischen dem Rupertsberg und Eibingen aufzuwachsen, sozusagen im Spannungsfeld dieser besonderen Frau. Das zeigte doch: so abgehoben können auch Heilige nicht sein. Sie brauchen Erdung, auch ganz in unserer Nähe.

Was verbinden Sie heute mit der heiligen Hildegard?

Hildegard von Bingen war Naturwissenschaftlerin, Kirchenpolitikerin, Dichterin, Komponistin und Theologin, ja sogar Managerin zweier von ihr gegründeter Klöster. Viele ihrer Schriften, vor allem ihre Kenntnisse der Naturheilkunde, haben bis heute nichts von ihrer Aktualität eingebüßt.

Ihre Lehrbücher zu Pflanzen-, Metall- und Edelsteinheilkunde wurden Grundlage der ganzheitlichen, homöopathischen Medizin. Heute besinnen sich viele Menschen, auf ihre Lehren, auf selbstbestimmtes, ganzheitliches Leben im Einklang mit sich selbst und der Natur.

Gibt es einen Aspekt im Wirken Hildegards, der Sie besonders fasziniert?

Hildegard von Bingen war eine unerschrockene Nonne, die sich in der damaligen Männergesellschaft eine Führungsrolle erkämpft hat. Sie hat als Frau Karriere gemacht und unterhielt umfassende Korrespondenz mit Kaisern, Königen, Päpsten, Kardinälen und Bischöfen.

Hildegard war eine mutige Frau, die die Missstände in der Kirche anprangerte, wie etwa den Ämterkauf. Sie schrieb freimütig über Sexualität, zur damaligen Zeit ein Novum. Wenn Hildegard eines nicht war, dann angepasst.

Zu Recht wurde sie von Papst Benedikt XVI. 2012 in den Rang einer Kirchenlehrerin erhoben, als „Frau von lebhafter Intelligenz, tiefer Sensibilität und anerkannter geistlicher Autorität“.

Welche Bedeutung hat der christliche Glauben für Ihr Leben und in Ihrem Alltag?

Mein eigener Glaube ist gewachsen in der Kindheit, das ist verbunden mit landschaftlichen Prägungen an den Ufern des Rheins, in der Familie, mit der jahrhundertealten Rochus-Wallfahrt sowie einer engagierten Jugendgruppe.

Kirche ist ein wichtiger Impulsgeber für den gesellschaftlichen Raum. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass die Kirchen in einer immer fragmentierteren Gesellschaft einer der wenigen Orte der Selbstvergewisserung in unserem Land geblieben sind.

Für Journalisten ist es wichtig, unabhängig zu bleiben und eine „kritische Distanz“ zu den Themen in ihrer Berichterstattung einzunehmen. Wie passt das mit Ihrem aktiven Engagement in der katholischen Kirche zusammen?

Gerade die Berichterstattung über Religion und Glaubensfragen ist besonders sensibel. Journalisten sind Berichterstatter, keine Akteure und die Frage, ob sie gläubig, ungläubig oder atheistisch sind, sollte ihre Berichterstattung über religiöse Fragen nicht bestimmen. Sie müssen informieren, bilden, auch einordnen und kritisieren. Bei all dem muss immer klar bleiben, wo Journalisten ihre Loyalitäten haben: nämlich bei ihren Lesern, Hörern und Zuschauern. Kritische und kompetente Annäherungen können auch Religionsgemeinschaften, den Kirchen, nicht schaden. Ich würde sogar noch weiter gehen und sagen: Kritik ist notwendig, um die Dinge zum Besseren zu wenden.

Ist in unserer modernen, hochtechnisierten Gesellschaft überhaupt noch Platz für die Botschaften einer Mystikerin und „Universalgelehrten“ aus dem fernen Mittelalter?

So fern ist das Mittelalter doch nicht - erleben wir nicht gerade bei den vielen erfolgreichen Büchern und Filmen ein wachsendes Interesse an dieser Zeit? Ich glaube, dass sich gerade in einer modernen Gesellschaft, die hochtechnisiert ist, der Erfolg dieses Konzepts der „Ganzheitlichkeit Hildegards“ erklären lässt.

Hildegard von Bingen schärfte den Blick auf den ganzen Menschen, dass Leib und Seele immer nur gemeinsam heil sein können. Was aber auch klar ist, mit keinem anderen Namen des deutschen Mittelalters dürften aktuell vergleichbare Umsätze bei Kräutern, Wellness und Naturheilverfahren erzielt werden.

Wie kann man die sogenannten „Digital Natives“ – junge Menschen, deren Lebenswelt von Internet, Smartphones und Computerspielen geprägt ist – mit modernen Medien an kirchliche Themen und Traditionen wie die Heiligenverehrung heranführen?

Ich erinnere mich noch gut an die Heiligsprechung der früheren Päpste Johannes XXIII. und Johannes Paul II. durch Papst Franziskus im vergangenen Jahr. Rund 800.000 Menschen hatten sich auf dem Petersplatz versammelt, darunter viele junge Menschen.

Die Kirche ist übrigens äußerst erfolgreich in den Sozialen Medien: Seit Papst Franziskus einen Twitter-Account hat, ist @Pontifex mit 6 Mio. Follower ein Riesenhit. Auch YouTube und Instagram ist für Franziskus kein Fremdwort. Was Heiligenverehrung angeht, schauen Sie sich mal die Pfingstausgaben der Zeit, der Süddeutschen oder der FAZ an. Da finden Sie sehr ernsthafte und lesenswerte Leitartikel, was uns der Heilige Geist heute zu sagen hat oder eine Aufarbeitung der Seligsprechung von Oscar Romero. Der Spiegel hatte eine gute Story über Papst Franziskus und die Machtkämpfe im Vatikan.

Also, es gibt einerseits hochinteressante kirchenpolitischen Analysen, aber durchaus auch spirituelles Futter und das in Medien, die vor Jahrzehnten noch so etwas wie die Botschafter des Säkularismus waren.

Vielen Dank für diese Einblicke, Herr Frey.