Land der Hildegard - Hildegard von Bingen

Kloster Eibingen

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Alte Steine erzählen am Disibodenberg

Alte Steine erzählen am Disibodenberg

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Der ersten Wirkungsstätte Hildegards und ihrer wechselvollen Geschichte auf der Spur

Es ist ein verwunschener Ort. Einer, der ein besonderes Flair hat, seine eigene Aura, etwas Mystisches. Ein Ort, der den Besucher auf eine ganz spezielle Weise gefangen nimmt, ihn unwiderruflich in seinen Bann zieht. Der Disibodenberg, ein Hügel im Dreieck zwischen Nahe und Glan, zwischen Staudernheim und Odernheim, rund 80 Höhenmeter über den Flüssen gelegen, fasziniert auch heute noch. Vielleicht mehr denn je.

Zwischen 1106 und 1112 kam Hildegard unter der Obhut von Jutta von Sponheim hierher ins Benediktinerkloster und blieb bis zum Auszug und der Neugründung des Rupertsberges um 1151. „Lob sei der Dreieinigkeit! Sie ist Klang und Leben, Schöpferin des Alls, Lebensquell von allem, Lob der Engelscharen, wunderbarer Glanz all des Geheimen, das den Menschen unbekannt, und in allem ist sie Leben.“

Mit Hildegards Interpretation von Psalm 19,2 auf einer Tafel werden die Besucher heute in den Ruinen empfangen. Die Mauerreste lassen erahnen, wie das Kloster ausgesehen haben mag, als Hildegard hier mit etwa 16 Jahren ihr Gelübde als Benediktinerin ablegte, sich ora et labora, dem Zusammenleben aus Beten und Arbeiten, verschrieb. Überwuchert, von Bäumen bewachsen ist das etwa 150 mal 120 Meter große Gelände heute und gibt immer wieder den Blick frei. Auf der einen Seite auf das nordöstlich gelegene Bad Sobernheim, auf der anderen Seite, von der neu erbauten „Hildegard-Kapelle“ aus, nach Süden und das Glantal.

Dank Hildegards Vita Sancti Disibodi wissen wir um den iro-fränkischen Wandermönch Disibod (619 - 700), der sich in der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts hier als Eremit niederließ. An einer Stelle, wo schon zu keltischer Zeit ein Heiligtum lag, später ein Jupitertempel errichtet wurde.

Wahrscheinlich bestand schon zu Disibods Zeiten eine Tauf- und Missionskirche, nach seinem Tode kam eine klosterähnliche Anlage hinzu. Die Klerikergemeinschaft löste sich mit den Normannen- und Ungarneinfällen der folgenden Jahrhunderte auf, die Gebäude auf dem Berg verfielen.

Der Mainzer Erzbischof Hatto II. gab ihr mit der Auflösung in der Zeit zwischen 968 und 970 den vermeintlichen Rest. Einige Jahre später kam jedoch neus Leben auf den Berg. Erzbischof Willigis ließ auf dem Hügel eine neue Kirche errichten, in die die Gebeine von Disibod umgebettet wurden. Der Disibodenberg wurde mit zwölf Augustiner-Chorherren zum Stützpunkt des Erzbistums Mainz im Nahetal. Zur wirtschaftlichen Absicherung stattete Willigis das Stift mit ausgedehnten Landbesitzungen, Gütern und weiteren Einkünften aus. Dazu gehörten zahlreiche Kirchen von Offenbach am Glan bis Sobernheim, von Kirchenbollenbach bis Auen. Die Vogtei hatte der Nahegaugraf inne. Und dennoch: Der Bau blieb klein, die Grabstätte Disibods verfiel zusehends.

Zu Lebzeiten Hildegards erfolgte unter Erzbischof Ruthard die Ablösung der Augustiner durch Benediktiner aus dem Mainzer Jakobskloster und ab 1108 schließlich auch der Bau der dreischiffigen Pfeilerbasilika mit Querhaus, deren Mauerreste heute die zentrale Stelle des Geländes bilden. Der Grundriss dieser St. Nikolaus-Kirche, die im Jahr 1143 ihre Schlussweihe erfuhr, lässt ihre für die damalige Zeit im Naheraum ungewöhnliche Größe und Pracht erahnen. Hierhinein wurden im Jahre 1138 auch Disibods Gebeine gebracht und fanden ihre letzte Ruhe.

Die Rekonstruktion des Klosters als Modell, wie sie im Historischen Museum am Strom – Hildegard von Bingen zu sehen ist, stammt aus dem 16. Jahrhundert. In der Zeit der Zisterzienser, die ab 1259 unter Erzbischof Gerhard die Benediktiner ablösten, war die dritte Blütephase des Disibodenbergs gefolgt. In diese fiel etwa der Bau des Gästehauses, des Hospizes, dessen Giebelmauern heute den noch am markantesten erhaltenen Teil des Klosters bilden und dem Besucher am besten dessen frühere Größe nahebringen.

In die Bauphase, die Hildegard vor Ort miterlebt hat, fallen neben der Kirche die Sakristei, der Konventbau, drei Kreuzgangflügel (Süd, West und Nord) und die Friedhofskapelle. Romanische Bausubstanz enthalten auch Kapitelsaal, Marien- und Laienkapelle, Mönchsaal und der östliche Kreuzgangflügel. Nicht gesichert lokalisiert werden kann die Frauenklause, die abgetrennt vom Männerbereich bestanden haben muss. Wahrscheinlich lag sie an der Südwestecke der Basilika. Die würde begründen, weshalb Hildegard die Bauarbeiten – wie sie schreibt - gründlich beobachten konnte. Auch der an dieser Stelle reichlich vorhandene Platz würde für ein Frauenkonvent sprechen, in dem mit Hildegard vor deren Auszug etwa 20 Nonnen gelebt haben. Gerade weil eben nicht alles bekannt ist, bleibt die Mystik des Ortes bis heute erhalten. Auch davon lebt seine Geschichte, lässt Raum für Interpretationen und persönliche, individuelle Ansichten und Sichtweisen.

Sie erreichen den Disibodenberg über die A61 (Abfahrt Bad Kreuznach) und B41 (Abfahrt Waldböckelheim). Folgen Sie dem Wegweiser Odernheim. Unmittelbar am Ortsausgang von Staudernheim beginnt der Odernheimer Ortsteil Disibodenberg, der Weg zur Klosteranlage ist ausgeschildert.

Unterhalb der Klosterruinen gibt es ein kleines Museum und einen Meditationsweg mit Texten der Psalmen und der heiligen Hildegard. Mehr unter www.disibodenberg.de.

Text und Fotos: Jochen Werner