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Hildegard von Bingen und die Klostermedizin

Hildegard von Bingen und die Klostermedizin

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Wissenschaftler der Forschergruppe Klostermedizin nehmen Hildegards Rezepte unter die Lupe

Viele Vorstellungen, die Menschen heute von Hildegard von Bingen haben und die in der Öffentlichkeit kursieren, sind schief oder schlichtweg falsch. In zwei Vorträgen will der Medizinhistoriker und Literaturwissenschaftler Dr. Johannes Gottfried Mayer von der Forschergruppe Klostermedizin in Würzburg im Rahmen des diesjährigen Hildegard-Herbstes Licht ins Dunkel bringen. In zwei weiteren Workshops werden Rezepte hergestellt und probiert. Rezepte, die aus den natur- und heilkundlichen Schriften Hildegards stammen und die auch nach heutigen Erkenntnissen der Pflanzenheilkunde sinnvoll sind.

Hildegard von Bingen ist nicht nur als Kirchenlehrerin anerkannt, wird zurecht für ihr Schaffen und ihre Erkenntnisse gelobt. Sie ist seit beinahe fünf Jahrzehnten auch ein Marketingbegriff. Dabei werden auch viele Produkte verkauft, die mit der Benediktinerin nichts zu tun haben.

Sehr vieles lässt sich über ihr Schaffen in die Klosterfrau hineininterpretieren. Entsprechend will die Würzburger Forschergruppe auf wissenschaftlichem Wege nachschauen, was tatsächlich im 12. Jahrhundert war.

„Es besteht der anhaltende Trend, dass viele Menschen nach Indien und China schauen, sich von der pflanzlichen TCM und Ayurveda überzeugen lassen“, weist Tobias Niedenthal von der Forschergruppe darauf hin, dass die Heilkunde auch in Mitteleuropa auf eine über zweitausendjährige, schriftlich niedergelegte Überlieferung zurückblicke. Entsprechend schlägt er vor, sich erst in der eigenen Geschichte umzusehen.

Das Problem: Viele pflanzliche Mittel verschwanden in den späten 1960er Jahren aus bürokratischen Gründen aus Arzneimittelschränken. „Im Arzneibuch von 1968 sind über 90 Prozent der pflanzlichen Mittel verschwunden, verblieben sind von 867 Einträgen nur 77“, so Niedenthal, der auf die bis dahin durchgehende Tradition zeigt und sich mit seinen Kollegen wünscht, dass auch Pflanzen und Rezepte aus dem Mittelalter neue Bedeutung fänden - natürlich nach strenger wissenschaftlicher Überprüfung. Esoterik und ähnliche Alternativen haben für die indisziplinär tätigen Wissenschaftler keinen Platz.

Der Forschergruppe Klostermedizin geht es darum, mit Ärzten und Pharmazeuten Hildegards Texte zu entschlüsseln, Missverständnisse zu lösen. Beispiel: Hildegard spricht von „Binsuga“, einem zusammengesetzten Begriff aus „Biene“ und „saugen“. Dieser zusammengesetzte Begriff wurde bereits vor 150 Jahren als „Weiße Taubnessel“ identifiziert, taucht in der Esoterik aber immer wieder als „Melisse“ auf.

Hildegard-Tees? „Es gibt nicht ein einziges Rezept zur Einnahme von Tee in Hildegards Werken“, zeigt Niedenthal darauf hin, dass es zu ihrer Zeit kein sauberes Wasser gegeben habe. „Dafür hat man im Mittelalter Wein genommen!“

In manchen Fragen solle man Hildegard ruhig kritisch gegenüberstehen, fordern die Experten. „Es ist nicht alles sinnvoll, was die Frau gemacht hat“, spricht es Niedenthal konkret aus. Aber: Es war einmalig, was sie im Kloster Disibodenberg und auf dem Rupertsberg geschaffen hat.

Sie verwendete kaum andere Quellen, entwickelte ihre Ergebnisse individuell und souverän, übernahm wahrscheinlich vieles aus der Volksheilkunde. Dabei landete sie nach heutigem Verständnis Volltreffer, lag aber in anderen Dingen völlig daneben. „Sie war eigenständig, nicht besser oder schlechter als andere. Das macht sie aber auch für uns heute noch so interessant“, beleuchtet Niedenthal zwei Pflanzen: Der Klassiker, den Hildegard erkannt habe und den wir ihr verdankten, sei die Ringelblume. Sie tauche tatsächlich erstmals bei ihr auf. Beim Johanniskraut habe ihr Urteil nicht gestimmt: Von ihm sagt Hildegard, dass es keinen Nutzen habe.

Termine im Hildegard-Herbst: 10. Oktober 2015, Vortrag 1: Hildegard und die Klostermedizin 21. Oktober 2015, Vortrag 2: Die natur- und heilkundlichen Schriften Hildegards 28. Oktober 2015, Workshop 1: Hildegard und Erkältungskrankheiten 11. November 2015, Workshop 2: Gewürze und andere Lieblingspflan-zen der heiligen Hildegard

Die vier Termine finden rotierend in Binger Institutionen statt, die sich intensiv mit Hildegard von Bingen auseinandersetzen: Hildegard-Forum der Kreuzschwestern, Rupertsberger Hildegard-Gewölbe und Museum am Strom. Anmeldung für alle vier Teile oder einzelne Vorträge bis zum 1. Oktober 2015 bei der Tourist-Information Bingen, Tel. 06721 / 184 - 206 oder - 350.

Text: Jochen Werner Foto: Wikipedia/HexaChord