Land der Hildegard - Hildegard von Bingen

Kloster Eibingen

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Gebeno von Eberbach und die Folgen

Gebeno von Eberbach und die Folgen

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Die großen Theologen und Philosophen des 13. Jahrhunderts, wie Thomas von Aquin, Albertus Magnus oder Wilhelm von Ockham, nahmen in ihren Werken keine erkennbare Notiz von Hildegard von Bingen und ihrem Wirken. Sie war für diese weder eine Autorität, auf die man sich bezog, noch spielte sie in der Entwicklung der Frauenmystik, wenn man von ihrem Kontakt mit Elisabeth von Schönau absieht, eine Rolle. Dennoch blieb ihr Werk nicht ohne Einfluss auf das 13. Jahrhundert: Um das Jahr 1220 stellte Gebeno, der Prior des Zisterzienserklosters Eberbach, aus verschiedenen Texten Hildegards (Scivias, dem Liber divinorum operum sowie den Briefen) kombiniert mit eigenen Erläuterungen das Pentachronon sive speculum futurorum temporum („Fünfzeitenbuch oder Spiegel der künftigen Zeiten“) zusammen. Bereits der Titel zeugt von der Intention des Autors - eine Deutung der historischen Abläufe als Heilsgeschichte sowie ein prophetischer Ausblick auf die Ereignisse der Zukunft. Über die Person Gebenos wissen wir wenig, doch sein Pentachronon, das in mehr als fünfzig Handschriften überliefert ist, prägte das Hildegard-Bild über Jahrhunderte hinweg. Aussagen, Interpretationen und Meinungen über die Bedeutung von Hildegards Texten fußten damals seltener auf den Originalhandschriften, als auf dieser leichter zugänglichen Schrift.

Für Gebeno lag die Bedeutung von Hildegards Werk in dem Hinweis auf den schlechten Zustands der Kirche wie auch in der notwendigen Unterweisung der Gläubigen im Hinblick auf das bevorstehende Kommen des Antichrist, das aber, so schreibt er, entgegen umlaufender Gerüchte noch nicht unmittelbar zu erwarten sei, sondern erst nach Ablauf der vier bei Hildegard beschriebenen Zeitabschnitte erfolge. Über konkrete Veränderungen in Welt und Kirche machte er keine Aussagen, vielmehr warnte er vor falschen Propheten, zu denen er v.a. Joachim von Fiore zählte, die solche Vorhersagen verbreiteten. Die mahnende Schrift sollte die – durch Gebenos Textauswahl definierte – Botschaft Hildegards einem größeren Leserkreis öffnen und sich zudem den Schriften Joachims von Fiore entgegenstellen, die sich auch gegen kirchliche Hierarchien und monastische Strukturen wandten. Zudem vermuten Hildegard-Forscher, dass Gebeno Hildegards Kanonisation fördern wollte.

Bereits wenige Jahrzehnte nach Hildegards Tod begann man also damit, Auszüge aus ihrem Werk als konkrete Prophezeiungen auf die eigene Gegenwart zu beziehen. So wurde der von Gebeno durch die Mahnung, neuen Formen der vita religiosa zu misstrauen, kommentierte Brief Hildegards an den Kölner Klerus, in dem sie vor den Katharern warnte, auf die damals aufkommenden Bettelorden der Franziskaner und Dominikaner übertragen. Weit verbreitet wurde diese Haltung v.a. durch ein um 1230 von Heinrich von Avranches verfasstes Gedicht. Hildegard galt daraufhin als Wahrerin des rechten Glaubens und als Warnerin vor Neuerungen. Einige Mitglieder dieser neuen Orden sahen in den – im Pentachronon zusammengefassten – Aussagen Hildegards wiederum die Rolle der Bettelorden als Streiter und Künder des wahren Glaubens im Vorfeld des Weltenendes. Die theologischen Inhalte fanden in der Rezeptionsgeschichte von Hildegards Schriften nach Gebeno kaum Beachtung, stattdessen wurde ihre prophetische Autorität dazu genutzt, die Bedeutung des aktuellen Geschehens im Hinblick auf zukünftige Ereignisse, insbesondere das Erscheinen des Antichrist, zu deuten, bzw. als Interpretationshilfe für gegenwärtige Prozesse im jeweils eigenen Interesse einzusetzen. So blieb sie während des Mittelalters eine der bedeutendsten prophetische Autoritäten, deren Name in vielen Chroniken genannt wurde.

Hildegard selbst jedoch wollte keineswegs als „Wahrsagerin“ betrachtet werden: Sie machte nie Angaben über den Zeitpunkt des Weltenendes oder über konkrete zukünftige Ereignisse. Mit ihren bildhaften und symbolischen Prophezeiungen versuchte sie vielmehr die Gläubigen zurück auf den Weg zu einem gottgefälligen Leben zu führen.