Land der Hildegard - Hildegard von Bingen

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Woher stammt Hildegard von Bingen?

Schwierige Spurensuche zum Geburtsort der heiligen Hildegard

Hildegard war das zehnte Kind der Eheleute Hildebert und Mechthild, kam 1098 in Bermersheim zur Welt und wurde gemeinsam mit ihrer nur sechs Jahre älteren Lehrerin Jutta von Sponheim, die sich seit 1106, vielleicht auch erst seit 1112 um sie kümmerte, am Allerheiligentag des Jahres 1112 im Kloster Disibodenberg aufgenommen.

So stand es jahrelang auf den Tafeln der Hildegard-Ausstellung im Binger Museum am Strom zu lesen. Alles klar also. Oder doch nicht? Kaum zu glauben, aber wahr: Viele Details der Biografie Hildegards sind bis heute umstritten – so auch die Frage nach ihrem Geburtsort. Das liegt unter anderem daran, dass wir heute viel mehr Wert auf biografische Fakten legen, als die Menschen der Hildegard-Zeit es taten. Zu Beginn des dritten Jahrtausends unserer Zeitrechnung will alles gemessen und genauestens datiert sein. Nur das, was sich in der Ära der Reizüberflutung durch Massenmedien exakt zu belegen und beweisen lassen scheint, wird als richtig angesehen und geglaubt.

Wie anders war dies im Hochmittelalter: Damals waren die Tagesgrenzen der meisten Menschen von Hahnenschrei und Sonnenuntergang bestimmt. Lesen und Schreiben waren den oberen Schichten vorbehalten, niedergeschrieben wurde das wenigste, außer in Sonderfällen wurde in Urkunden fast nichts fixiert. Analog zu Albert Einsteins Einschätzung „Zeit ist relativ!“ war der Wechsel von Tag und Nacht wichtig, spielten die Jahreszeiten und die Tage der Steuerzahlungen eine Rolle.

Den eigenen Geburtstag kannte der einfache Bürger genauso wenig wie das Jahr, in dem er das Licht der Welt erblickte. Und selbst von den mächtigsten Kaisern des Mittelalters, von Karl dem Großen und Friedrich Barbarossa, kennen wir nicht den Tag, ja: nicht einmal das exakte Jahr ihrer Geburt! Im Gegensatz zum Todestag, der den Zeitgenossen als Beginn des himmlischen Lebens galt und deswegen von den Nachlebenden genau vermerkt wurde, war das irdische Geburtsdatum unbedeutend. Es reichte zu wissen, dass ein Kind da war. Wann und wo der neue Mensch geboren wurde, war gerade bei den Jüngsten in solch kinderreichen Familien ganz und gar unwichtig. Auf die Reihenfolge kam es an, mehr nicht.

Unspektakulär ist auch Niederhosenbach, nördlich von Idar-Oberstein am Südhang des Hunsrücks in der Verbandsgemeinde Herrstein (Kreis Birkenfeld) gelegen. In dem 300-Seelen-Ort weist außer einer Tafel an der Dorfkirche so gar nichts auf das hin, was seit einiger Zeit viele Hildegard-Interessierte bewegt: Hier nämlich, unweit der Stelle eben dieser Kirche, lag der Sitz des Dorfadligen. Und hier könnte Hildegard von Bingen tatsächlich geboren worden sein. Josef Heinzelmann war zum Ende des vergangenen Jahrhunderts auf eine Urkunde des Klosters Disibodenberg gestoßen, in der ein „Hildebrecht de Hosebach“ erwähnt wurde.

Aber zunächst wieder ein Schritt zurück. Seit den frühen 1940er Jahren war nach sehr detaillierten Untersuchungen der Benediktinerin Marianna Schrader von selbigem Hildebrecht, dem Vater Hildegards, immer in Verbindung mit dem kleinen rheinhessischen Ort Bermersheim im Wonnegau bei Alzey die Rede gewesen. Noch heute wird hier die Taufkirche der Heiligen ausgewiesen. Aber ist dem wirklich so? Bis zum Zweiten Weltkrieg schien sicher, dass analog zum Sponheimer Abt Johannes Trithemius (1462 bis 1516) nicht an Böckelheim (Waldböckelheim oder Schlossböckelheim) an der Nahe als Geburtsort gezweifelt werden durfte. Allerdings: Die Annahme des Trithemius entbehrte jeder Quellengrundlage – sie wurde einfach geglaubt.

Also: Woher stammt Hildegard? Wo erblickte sie im Jahr 1098 tatsächlich das Licht der Welt? Lässt sich diesbezüglich irgendetwas nachvollziehen, überprüfen oder schlussfolgern? Die Quellen verraten nicht eben viel; denn wie gesagt: Die Geburt eines Kindes war nichts, was irgendwo schriftlich festgehalten wurde. Einwandfrei jedenfalls ist nach heutiger Quellenlage keiner der möglichen Orte als Geburtsstätte Hildegards nachgewiesen. Heinzelmann argumentiert, dass „Hildebrecht Hosinbach“ in Urkunden des Klosters Disibodenberg erwähnt wird. Oder war das Mädchen die Tochter eines Hildebertus de Vermersheym (Bermersheim)? Sind beide dieselbe Person? Zumindest das scheint heute sehr wahrscheinlich. Alles ist wie in einem Kriminalfall: Es liegen lediglich Indizien vor, anhand derer eine Entscheidung getroffen werden müsste.

Josef Heinzelmanns Forschungen haben eines zutage gefördert: Bermersheim ist seither nur noch möglicher Nebenbesitz des Hildebert von (Nieder-)Hosenbach. Logischer, wenn besagter Hildebert der Vater Hildegards ist, wäre ihm zufolge als Geburtsort der Familienhauptsitz über dem Tal des Hosenbachs. Logischer, aber eben nicht zwangsläufig. Denn der einwandfreie Nachweis fehlt. Sowohl für die Vater-Theorie als auch für die Geburtsort-These.

Allein: Wir müssen vom Wahrscheinlichsten ausgehen. Danach sind eben Hildebrecht und Hildebert dieselbe Person. Wenn der Familien-Stammsitz tatsächlich Niederhosenbach und Bermersheim eine weitere Besitzung war, dann müsste das zehnte Kind eben dort das Licht der Welt erblickt haben. Der Konjunktiv ist wichtig. Denn Genaues wissen wir nicht, werden wir vielleicht auch nie erfahren. Aber sind Datierungen wirklich so wichtig? Bei Hildegard geht es schließlich auch immer um Fragen des Glaubens.

Text und Fotos: Jochen Werner