Land der Hildegard - Hildegard von Bingen

Klosterruine Disibodenberg

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Leben

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Am 1. November 1112, an Allerheiligen, begann für Hildegard von Bingen ihr Leben als Inklusin in einer dem Benediktinerkloster Disibodenberg angeschlossenen Klause. Heute haben diese Begriffe, die eine besondere religiöse Lebensform des Mittelalters bezeichnen, nur noch für die wenigsten eine Bedeutung. Inklusen oder Klausner/innen waren Männer und Frauen, die sich freiwillig dazu entschlossen hatten, sich in einer Klause einmauern zu lassen und dort ein frommes, fast engelgleiches Leben (vita angelica) zu führen. Die Klausen konnten vollkommen einsam gelegen sein oder waren Zellen, die sich an Kirchen, Brücken oder auch Stadtmauern anlehnten. Die Entscheidung, Inkluse zu werden, wurde meist für die Zeit des gesamten Lebens getroffen. Wie aber am Beispiel Hildegards deutlich wird, gab es von dieser Regel auch Ausnahmen. Eine aus dem 10. Jahrhundert stammende Regel gibt an, eine Klause solle drei Fenster besitzen: Eines sollte die Teilnahme am Gottesdienst gewährleisten (die Klause musste also an einer Kirche angebaut sein), das zweite sollte dazu dienen, Nahrung empfangen zu können und Kontakt mit Besuchern zu pflegen und durch das dritte sollte schließlich Sonnenlicht die Klause erhellen. Diese Angaben sind aber nie allgemein gültig geworden. Von einigen Klausen weiß man auch, dass sie kleine Gärten besaßen. Eine Klause wurde nicht immer allein bewohnt; es gab Klausen, in denen Gemeinschaften unter der Leitung einer magistra oder rectrix zusammenlebten, wie wir es vom Disibodenberg kennen. Das Leben dieser Inklusen glich dem eines klösterlichen Lebens mit besonders strenger Klausur. Im Rahmen der klösterlichen Reformbewegung des 11. und 12. Jahrhunderts schlugen besonders viele Frauen einen solchen Weg ein.

War das Inklusentum lange Zeit beinahe frei von kirchenrechtlichen Auflagen, benötigten angehende Inklusen in Hildegards Zeit die Zustimmung der kirchlichen Obrigkeit, und die Einmauerung wurde von einem feierlichen Zeremoniell begleitet. Im Hoch- und Spätmittelalter entstanden einige Traktate, die sich der Lebensweise der Inklusen annahmen. Sie betonten, die Eingeschlossenen sollten sich nur Bußübungen und dem Gebet widmen, wenig Kontakt zur Außenwelt haben und ein demütiges Leben führen. Dass es sehr wohl Inklusinnen gab, die großen Wert auf Beziehungen nach Außen legten und weit mehr als Gebet und Bußübungen leisteten, zeigt das Leben Juttas und Hildegards auf dem Disibodenberg.

Hildegards Vita berichtet zu ihrem Eintritt in die Klause, dass sie „mit Christus begraben werden sollte“ und „auf dem Berg des heiligen Disibod eingeschlossen“ wurde. Zunächst waren die Mädchen dort zu dritt, doch im Laufe der Zeit, als sich der Ruf Juttas verbreitete, stieg ihre Zahl auf zehn Inklusinnen an. Über das Aussehen und die Ausstattung der Klause ist nichts bekannt. Da man auch keinen sicheren Anhaltspunkt besitzt, wo sich diese befand, kann nicht gesagt werden, ob die Frauen am Gottesdienst der Mönche in irgendeiner Form teilhaben konnten. Ihr Leben in der Klause war vom benediktinischen Lebensrhythmus bestimmt: Wie bei den Mönchen wurde ihr Tag von den sieben Gebetszeiten strukturiert. Dazwischen gingen sie Handarbeiten nach, nahmen an geistlichen Lesungen teil und wurden von ihrer Lehrerin und Vorsteherin Jutta unterwiesen. Um die Bibel und den Psalter studieren zu können, lernten die Mädchen auch Lesen und Schreiben, auch in das Singen der Psalmen wies Jutta sie ein. Eine Ausbildung in den gelehrten septem artes liberales – den sieben freien Künsten – zu denen Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie zählten, blieb Hildegard allerdings verwehrt.