Land der Hildegard - Hildegard von Bingen

Klosterruine Disibodenberg

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Schritt in die Öffentlichkeit

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Die Vita berichtet, dass Hildegard nun sowohl durch Abt Kuno von Disibodenberg als auch vom Mainzer Erzbischof Heinrich I. Unterstützung für Ihr neues Wirken erfahren habe. Doch scheint sich die Prophetin ihrer eigenen Rolle selbst immer noch nicht sicher gewesen zu sein: 1146 oder 1147 entschloss sie sich zu einem mutigen Schritt und legte die Entscheidung über ihre prophetische Gabe in die Hände eines der einflussreichsten Männer ihrer Zeit – dem Zisterzienserabt Bernhard von Clairvaux (um 1090-1153). 1146 bis Anfang 1147 befand sich Bernhard im Rheinland, um die Gläubigen zum Kreuzzug aufzurufen, als ihn ein Brief von Hildegard erreichte.

„Vater, ich bin gar sehr beunruhigt wegen dieser Schau, die sich mir im Geist als ein Mysterium erschloss“

schreibt sie. Sie schildert ihm, was sie mit ihren „inneren Augen“ sieht und fragt:

„Was hältst du von all dem? (…) Gütiger Vater, mildester, ich bin in deine Seele hineingelegt, damit du mir durch dein Wort enthüllst, ob du willst, dass ich dies offen sage oder Schweigen bewahren soll.“

Mit großer Spannung wird Hildegard Bernhards Antwortschreiben erwartet haben. Dieses fiel allerdings – aufgrund der „Menge der Geschäfte“, wie er schreibt – sehr knapp aus:

„Wir freuen uns mit dir über die Gnade Gottes, die in dir ist. Und was uns angeht, so ermahnen und beschwören wir dich, sie als Gnade zu erachten (…). Was können wir übrigens noch lehren oder wozu ermahnen, wo schon eine innere Unterweisung besteht und eine Salbung über alles belehrt?“

Mit einer Bitte um Gedenken beendet er den Brief. Zwar erhält Hildegard kein negatives Urteil, doch mit diesen wenigen wagen, fast ironisch wirkenden, Worten konnte sie mögliche Gegner nicht verstummen lassen.

Trotzdem war sie bald danach über die Reichsgrenzen hinaus als Prophetin bekannt: Von November 1147 bis Februar 1148 hielt Papst Eugen III. eine Synode in Trier ab. Hierhin hatte sich auch der Mainzer Erzbischof auf den Weg gemacht und nutzte die Gelegenheit, dem Papst von Hildegard zu berichten. „Solch große Neuigkeit“ erstaunte ihn, er veranlasste eine Untersuchung der Angelegenheit. Nachdem die Untersuchungskommission Hildegard befragt und Teile ihrer Schrift Scivias erhalten hatten, kehrten sie zu Eugen III. nach Trier zurück. Dort habe der Papst aus ihren Schriften vorgelesen und ein positives Urteil verkündet, zu dem auch Bernhard von Clairvaux, der anwesend gewesen sei, geraten habe:

„Dem gewährte der ehrwürdige Vater der Väter so gütig wie klug seine Zustimmung und wandte sich mit einem Grußschreiben an die selige Jungfrau, in dem er ihr im Namen Christi und des seligen Petrus die Erlaubnis erteilte, alles zu veröffentlichen, was sie vom Heiligen Geist erfahren habe, und sie zum Schreiben ermunterte.“

Eine solche Autorisation hatte zuvor noch kein Papst erteilt! Diese Schilderung aus Hildegards Vita wird aber durch keine weiteren Dokumente bestätigt. Das Grußschreiben ist, sollte es existiert haben, nicht überliefert. Die Forschung geht davon aus, dass dieses auch nie in der Form einer solchen Bevollmächtigung abgefasst wurde. Wahrscheinlicher ist, dass Eugen III. auf der Synode von Hildegard und ihren Schriften erfahren und sie mündlich gutgeheißen hatte. Doch Hildegard war nun auch ohne diese schriftliche Bestätigung ins Licht der Öffentlichkeit getreten.