Land der Hildegard - Hildegard von Bingen

Historisches Museum am Strom Hildegard von Bingen

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Die Briefe

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Hildegard sah ihren prophetischen Auftrag darin, die Menschen zur Umkehr zu einem gottgefälligen Leben zu überzeugen. Dieser Anspruch ist auch in ihrem umfassenden Briefwechsel mit Klerikern und Laien, Adligen und Nichtadligen, Frauen und Männern jederzeit erkennbar: Über 300 Hildegard-Briefe sind aus dem Zeitraum zwischen 1146/47 und ihrem Tod 1179 überliefert. Die Antworten der Prophetin auf die Anliegen der Anfragenden sind dabei stets in Visionsberichte gekleidet: „Und in ihm (dem Schatten des Lebendigen Lichts) sehe ich, was ich gewöhnlich sage und was ich den Anfragenden gemäß dem Aufblitzen des Lebendigen Lichts antworte“. Während ihre Bücher nur einem kleinen Kreis bekannt waren, waren es die Briefe, die Hildegard zu einer öffentlichen Person machten, die nicht nur in ihrer Umgebung, sondern über die Reichsgrenzen hinaus bekannt war. Da es im Mittelalter üblich war, Briefe öffentlich zu verlesen, waren sie ein wichtiges meinungsbildendes Medium. Hildegard war sich der Bedeutung ihrer Korrespondenz für ihr Bild in der Öffentlichkeit bewusst und nutzte sie zur Erfüllung ihrer prophetischen Aufgabe.
Die Überlieferungssituation dieser Briefe stellt heute allerdings eines der großen Probleme der Hildegard-Forschung dar. Hildegard selbst schrieb die Texte vermutlich auf Wachstafeln auf, von denen sie dann auf Pergament übertragen und versandt wurden. Von jedem Brief wurde zuvor ein Duplikat angefertigt, das im Kloster verblieb. Abschriften dieser Kopien sind in mehreren Handschriften überliefert. Es existieren Brieffassungen einer älteren Tradition (1154-1170) und jüngere Überlieferungen (1170 und später). Der Vergleich mehrfach vorhandener Briefe zeigte, dass sie sich zum Teil stark voneinander unterscheiden, weswegen ihre Echtheit lange angezweifelt wurde. Problematisch ist auch, dass Orts- und Zeitangaben sowie die Namen der Adressaten und Absender häufig fehlen. Heute geht man nicht mehr davon aus, dass die Briefe unecht sind oder von Hildegards Sekretären heimlich verfälscht wurden. Was steckt also hinter den offensichtlich manipulierten Schreiben? Untersuchungen ergaben, dass die Briefe der älteren Ausgaben wenig verändert wurden und vornehmlich von Hildegards Ruf als Prophetin göttlicher Geheimnisse künden. Die jüngeren Fassungen gehen auf ein Briefbuch zurück, das Volmar um 1170 zusammenzustellen begann. Hildegard war inzwischen über 70 und wusste, dass sich ihr Leben langsam dem Ende zuneigte. Das Briefbuch sollte deshalb eine andere Aufgabe erfüllen – es sollte dem Nachruhm der verehrten Äbtissin des Rupertsbergs dienen. Die Briefe wurden deshalb gemäß der Bedeutung der Verfasser geordnet, Hildegard wurde stets als die ratgebende Person dargestellt, bedeutenden Personen wurden Briefe anderer Absender zugewiesen und Kritik wurde geschönt. Diese Veränderungen nahmen ihr Vertrauter Volmar und seine Nachfolger sicher nicht ohne Hildegards Wissen vor! Es mag heute schwer vorstellbar sein, dass eine fromme Frau und Äbtissin eine solche „Korrektur“ zugelassen haben soll, doch das Mittelalter dachte in diesem Punkt anders als wir heute. Sie wollte die Leser nicht betrügen, sondern bestehende Realitäten schriftlich fixieren: Hildegard war eine Prophetin, die über die Grenzen des Reichs hinaus mit den Mächtigen ihrer Zeit in Kontakt stand und ihnen Rat und Mahnworte zur höheren Ehre Gottes zukommen ließ. Der durchgehende Grundton der Anfragenden war aber nicht zu manipulieren: Sie schilderten ihre Ängste, ihre Gedanken und suchten nach Trost, Anleitung und Rat und erhielten Antworten, in denen die göttliche Welt mit der der Menschen verbunden war.