Land der Hildegard - Hildegard von Bingen

Rochuskapelle

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Die Predigtreisen

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Um ihren Auftrag, Gottes Wort in die Welt zu tragen, erfüllen zu können, war Hildegard von Bingen keine Anstrengung zu schwer und keine Herausforderung zu groß. Davon zeugen besonders ihre Predigtreisen.
Im Alter von etwa 60 Jahren erlitt sie eine so schwere Krankheit, „dass das Blut in den Adern, das Mark in meinen Knochen verdorrte und meine Eingeweide in meinem Innern zerrissen wurden und mein ganzer Körper so erschlaffte, wie die Kräuter im Winter ihre Grünkraft verlieren“. Wie so oft stand die Erkrankung mit ihrem prophetischen Amt in Verbindung: „Währenddessen wurde mir in einer wahren Schau gezeigt, dass ich einige Gemeinschaften geistlicher Menschen, Männer wie Frauen, aufsuchen und ihnen die Worte, die Gott mir zeigen werde, offen darlegen solle“. Ihr Biograph nennt eine ganze Reihe von Stätten an denen Hildegard Gottes Wort gepredigt habe:

„Bei alledem ist auch dies an ihr bemerkenswert, dass sie, vom Heiligen Geist nicht nur geleitet, sondern getrieben nach Köln, Trier, Metz, Würzburg und Bamberg kam, um Klerus und Volk zu verkünden, was Gott wollte, und auf dem Disibodenberg, in Siegburg, Ebersbach, Hirsau, Zwiefalten, Maulbronn, Rothenkirchen, Kitzingen, Kraufthal, Hördt, Hagen, werden, Andernach, auf dem Marienberg, in der Klause und in Winkel offenbarte sie, was dem Seelenheil nützlich ist, gemäß dem, was Gott ihr offenbart hatte“.

Im 19. Jahrhundert versuchte man aus diesen Orten eine Art Route zusammenzustellen. Demnach habe Hildegard vier Reisen unternommen: 1158 bis 1161 sei sie zunächst von Mainz nach Bamberg gezogen, dann von Trier entlang der Mosel nach Lothringen, dem Rhein folgend sei sie ein Jahr darauf bis Köln gekommen und auf ihrer letzten Reise habe sie 1170/1171 Schwaben aufgesucht. Doch ob diese Reisen in dieser Form tatsächlich stattfanden, ist strittig. Die Vermutung, dass die biografische Notiz eine Heiligsprechung der Äbtissin fördern sowie ihren Nachruhm mehren sollte, liegt nahe. Briefe aus Trier und Köln, die um eine schriftliche Fassung von Hildegards Ansprachen dort bitten, belegen immerhin ihre Anwesenheit dort. Es ist also nicht ausgeschlossen, dass sich die Äbtissin vom Rupertsberg zwischen 1158 und 1171 auf mehrere Predigtreisen begeben hatte.

Diese Unternehmungen sind besonders aus zwei Gründen bemerkenswert: Reisen war im Mittelalter für jeden beschwerlich und gefährlich; für eine Frau über 60 Jahre jedoch waren diese Strapazen, die sie zu Fuß, mit dem Pferd oder auf einem Schiff bewältigen musste, kaum zu schaffen. Außerdem war es Frauen damals wie heute in der katholischen Kirche nicht erlaubt, zu predigen. Hildegard war mit dem Studium der Bibel aufgewachsen und kannte die Aussage des Apostels Paulus an Timotheus: „Eine Frau soll sich still und in aller Unterordnung belehren lassen. Dass eine Frau lehrt, erlaube ich nicht (…)“. Doch ihr Selbstverständnis als Prophetin legitimierte sie. So war es ihr möglich, in Kirchen und auf öffentlichen Plätzen auf die Missstände, die sich im geistlichen Stand verbreitet hatten, mahnend hinzuweisen. Auf diese Weise erreichte sie auch Menschen, denen es verwehrt war, ihre Werke zu lesen, sich in Briefen an sie zu wenden oder sie zu besuchen.