Land der Hildegard - Hildegard von Bingen

Kloster Eibingen

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Die Visionswerke

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Hildegard von Bingen hat uns drei umfangreiche Visionswerke hinterlassen, die sie von ihrem 43. Lebensjahr bis 1173 verfasste: Den Scivias (1141-1151), vermutlich eine verkürzte Bezeichnung für “Wisse die Wege des Herrn“, den Liber vitae meritorum (1158-1163), das “Buch über die Lebensverdienste“, und den Liber divinorum operum (1163-1173), das “Buch von den göttlichen Werken“. Wie dieses umfangreiche Vermächtnis entstand, erfahren wir aus ihren Schriften und einem Brief an Wibert von Gembloux:

„Was auch immer ich in dieser Schau gesehen oder erfahren haben mag, behalte ich lange Zeit im Gedächtnis, so dass ich mich erinnere, weil ich das einmal gesehen oder gehört habe. (…) Meiner Seele jedoch fehlt es zu keiner Stunde an dem erwähnten Licht, das Schatten des Lebendigen Lichts genannt wird, (…). Und in ihm sehe ich, was ich gewöhnlich sage und was ich den Anfragenden gemäß dem Aufblitzen des Lebendigen Lichts antworte“.

Wenn sie dann die Zeit fand, ritzte sie die in ihrer Erinnerung gespeicherten Visionen mit einem Griffel in Wachstäfelchen, wie es auch auf Bildern im Rupertsberger Scivias-Codex, dem Salemer Codex oder im Lucca-Codex des Liber divinorum operum abgebildet ist. Wachstafeln stellten während des gesamten Mittelalters und weit darüber hinaus eine einfache und günstige Möglichkeit dar, seine Gedanken schriftlich festzuhalten, ohne auf das teure Pergament zurückgreifen zu müssen. Bei Bedarf konnte der Text leicht wieder abgeschabt werden und die Tafel war erneut benutzbar.

Nun kamen Hildegards Helfer ins Spiel. Allen voran ist hier der Mönch Volmar zu nennen, der sie seit den Arbeiten an ihrem ersten Werk Scivias bis zu seinem Tod 1173 unterstützte. Er verbesserte Stil und Grammatik von Hildegards Fassungen, „ohne aber ihrer Bedeutung oder ihrem Verständnis etwas hinzuzufügen oder fortzunehmen“ und übertrug sie dann auf Pergament. Auch ihre Vertraute Richardis von Stade stand Hildegard bis zu ihrer Abberufung nach Bassum, wo sie Äbtissin werden sollte, als Sekretärin zur Seite. Im Lucca-Codex ist sie auf einer Darstellung des Entstehungsprozesses der Schriften neben Hildegard abgebildet. Kurz vor der Vollendung ihres letzten visionären Werks, dem Liber divinorum operum starb Volmar:

„Ich arbeite jetzt – allein wie ein Waisenkind – am Werk Gottes, da mein Helfer mir genommen worden ist, wie es Gott gefiel. Das Buch aber, das ich dank der Gnade des Heiligen Geistes in wahrhaftiger Schau mit ihm zusammen geschrieben habe, und das noch nicht abgeschlossen ist, werde ich dir sogleich um Verbessern vorlegen, sobald es vollendet und geschrieben ist.“,

berichtete sie Abt Ludwig von St. Eucharius in Trier.

Die Forschung hat noch immer Probleme dieses Werk in die mittelalterliche Visionsliteratur einzuordnen. Es stehe dort wie ein „erratischer Block“, meint der Historiker Peter Dinzelbacher, also wie ein Findling, der nicht so recht zum Rest der Landschaft passen will, und sich einer Deutung entzieht. Hildegard scheint etwas Neuartiges geschaffen zu haben, obwohl sie nie die Dogmen der Kirche in Frage stellte. Zufriedengegeben hat man sich mit dieser Aussage glücklicherweise nicht. Viele Geschichtswissenschaftler haben versucht, die Quellen ihres Wissens zu ergründen, die sie abgesehen von der Bibel und den Schriften der Kirchenlehrer aufgrund ihres Selbstverständnisses als Prophetin Gottes nicht zitiert. Die Problematik der Forschung bringt Christel Meier auf den Punkt, wenn sie sagt:

„Hildegard sollte danach fast mit der gesamten mittelalterlichen Tradition vertraut gewesen, zugleich aber frei-intuitiv vorgegangen sein (schließlich sei sie eine Frau und eine Visionärin)“.

Genauso schwierig erweist sich eine Charakterisierung ihres Werks. Bezeichnungen wie “Kosmologie“, “Heilsgeschichte“ oder “Glaubenslehre“ umschiffen diese Klippen nur mit Mühe. Die Vielfalt von Hildegards theologischen Themen und Bildern ist nur schwer zu greifen und einzuordnen.

Für eine Deutung ihrer Schriften ist die Kenntnis ihrer Ziele unerlässlich, denn sie resultieren aus dem Selbstverständnis der Prophetin: Sie sah sich in einer Reihe von göttlich inspirierten Propheten, genauer gesagt als Prophetin am Beginn der Endzeiten, in denen eine „besondere prophetische Ermahnung und Erleuchtung notwendig“ wird, wie Christel Meier es ausdrückt. Demnach war es Hildegards Ziel, in dieser Zeit eine unbedingt erforderliche aktuelle Auslegung der Heiligen Schriften zu liefern.