Land der Hildegard - Hildegard von Bingen

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Richardis von Stade

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Kein zweites Ereignis in ihrem Leben führt uns den Menschen Hildegard von Bingen so deutlich vor Augen wie die Geschehnisse um ihre Vertraute und Freundin Richardis von Stade. Die um Einiges Jüngere wurde 1125 geboren und war die Tochter der gleichnamigen Markgräfin, die Hildegard so sehr bei ihrer Klostergründung geholfen hatte. Neben dem Mönch Volmar war sie die engste Vertraute und Freundin der Äbtissin und unterstützte sie auch bei der Abfassung des Scivias:

„Denn als ich das Buch Scivias schrieb, hegte ich eine vollkommene Liebe zu einer adligen Nonne, (…) so wie Paulus zu Timotheus, die sich mir während all dieser Ereignisse in Liebe und Freundschaft verbunden hatte, und in meinen Leiden mit mir litt, bis ich dieses Buch vollendet hatte“.

Doch schon kurze Zeit danach, im Jahr 1151, bat Richardis, das Kloster verlassen zu dürfen: Ihr Bruder Hartwig, der seit 1148 Erzbischof von Bremen war, hatte seiner Schwester das Amt der Äbtissin im norddeutschen Bassum vermitteln können. Hildegard war davon tief getroffen, enttäuscht und verletzt:

„Danach aber strebte sie aufgrund ihrer vornehmen Herkunft nach der Würde eines größeren Namens, um die Mutter einer vornehmen Kirche genannt zu werden. Das begehrte sie aber nicht um Gottes, sondern um weltlicher Ehre willen“.
Das Urteil ist hart und vielleicht auch einseitig, doch über Richardis Gründe erfahren wir nichts.

Als Hildegard Richardis nicht ziehen lassen wollte, wandte sich ihr Bruder an den Mainzer Erzbischof Heinrich I., der ihr mahnende Worte zukommen ließ:

„Dies tragen auch wir dir sowohl kraft der Autorität unseres geistlichen Amtes, als auch kraft unserer Vaterschaft auf und zwar erlegen wir es dir gebieterisch auf, dass du sie augenblicklich den Bittenden und Begehrenden zu ihrer Leitung stellst“.

Diesem Befehl konnte sich die Äbtissin eigentlich nicht widersetzen und doch tat sie es – aber nicht sie selbst entschied:

„Der klare Quell, der nicht trügerisch ist, sondern gerecht, spricht: Die Gründe, die für die Bevollmächtigung dieser jungen Frau angeführt wurden, sind vor Gott wertlos, denn ich, der Erhabene, (…) habe sie nicht geschaffen und gewählt, sondern sie ergaben sich aus der ungeziemenden Verwegenheit unwissender Gemüter“.

Auch an die Markgräfin Richardis richtete sie einen Brief, doch alle Bemühungen halfen nichts: Richardis lehnte das Ansinnen ihrer Familie nicht ab und brach nach Bassum auf, wo sie als Äbtissin eingesetzt wurde. Hildegard gab die Sache trotzdem noch nicht verloren und wandte sich flehend an Erzbischof Hartwig:

„Jetzt höre mich, da ich unter Tränen und Drangsal zu deinen Füßen hingestreckt liege. (…) Schicke meine geliebte Tochter wieder zu mir zurück“.
Erneut blieb ihre Bitte unerhört.

Ihr nächster Schritt mag verhältnislos erscheinen, doch zeigt er, welche Bedeutung die Angelegenheit für Hildegard besaß– sie richtete sich an die allerhöchste Instanz, den Papst! Seine Antwort kam einer indirekten Absage gleich. Hildegard musste nun erkennen, dass sie Richardis verloren hatte. Ihre Gefühle teilte sie ihr in einem letzten Brief an sie mit:

„Schmerz steigt in mir auf. Der Schmerz tötet das große Zutrauen und den Trost, den ich an einem Menschen besaß. (…) der Mensch (soll) sich nicht nach einer hochgestellten Persönlichkeit richten, der wie eine Blume vergeht. Das habe ich aus Liebe zu einem edlen Menschen außer Acht gelassen. (…) Nun sollen alle mit mir klagen, die Schmerz erleiden, der meinem Schmerz gleicht, die aus Gottesliebe solche Liebe im Herzen und in ihrem Gemüt zu einem Menschen trugen, wie ich sie dir gegenüber hegte. Er wurde ihnen in einem Augenblick entrissen, wie auch du mir abwendig gemacht wurdest. (…) Gedenke deiner unglücklichen Mutter Hildegard, damit dein Glück nicht versiege“.

Hildegards Schreiben klingt anklagend. Man mag sich denken, wie sich die junge Äbtissin bei diesen enttäuschten Worten ihrer ehemaligen Vertrauten fühlte. Diesen Brief schrieb Hildegard vermutlich 1152 und wahrscheinlich noch im selben Jahr erhält sie eine Nachricht von Richardis’ Bruder Hartwig:

„Ich melde dir, dass unsere Schwester, die meine, allerdings auch die deine (…) den Weg allen Fleisches angetreten hat (…). Als sie alles in christlicher Gesinnung empfangen hatte (die letzte Ölung), verlangte sie aus ganzem Herzen unter Tränen nach deinem Kloster zurück“.

Der plötzliche Tod traf Hildegard sicher hart, doch trotzdem zeigt sie auch jetzt kein Verständnis für Richardis Entscheidung. Sie schreibt an Hartwig:

„Höre! Gott nahm sie so eifersüchtig in Besitz, dass die Lust der Welt sie nicht umgarnen konnte. (…) Die alte Schlange aber wollte sie trotzdem durch ihre hohe Abkunft abspenstig machen. Doch der höchste Richter zog diese meine Tochter an sich und entzog ihr allen menschlichen Ruhm“.

In den Ereignissen um Richardis zeigt sich, dass auch die große Prophetin ein Mensch aus Fleisch und Blut war und in einer Situation großer Enttäuschung und Verletzung allzu menschlich reagierte. Noch als sie mit etwa 70 Jahren ihre autobiographischen Notizen verfasste, ist die Verbitterung über die damaligen Geschehnisse nicht gewichen:

„Nachdem sie sich von mir in eine andere, von uns entfernte Gegend zurückgezogen hatte, verlor sie rasch ihr irdisches Leben mit dem ehrenvollen Namen“.