Land der Hildegard - Hildegard von Bingen

Kloster Eibingen

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Aufbruch und Wandel

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Von Historikern wird die Zeit des ausgehenden 11. und des 12. Jahrhunderts oft als eine Periode des Aufbruchs, des Wandels oder sogar durch die Bezeichnung „Renaissance“ charakterisiert. Innovative und zukunftsträchtige Veränderungen fanden in den verschiedensten Bereichen statt: Klimawandel und Neuerungen im landwirtschaftlichen Bereich führten zu einem Bevölkerungswachstum, infolgedessen sich die landwirtschaftlichen Nutzflächen ausdehnten und viele neue Siedlungen errichtet wurden. In den entstehenden Städten bildete sich das Bürgertum, Handel und Gewerbe, besonders das Metall- und Tuchgewerbe, blühten auf. Die Güter wurden über weite Strecken transportiert, was auch durch den Bau neuer Brücken erleichtert wurde. Immer häufiger bezahlten die Käufer die gehandelte Ware mit Münzgeld, das den Tauschhandel langsam zu verdrängen begann.
Den Ministerialen, ehemals unfreien Dienstmännern von König und Bischöfen, gelang es ab dem 11. Jahrhundert, in eine adelsgleiche Stellung aufzusteigen und zu den eigentlichen Trägern einer ritterlich-höfischen Kultur zu werden. Auch im Bereich der Rechtssprechung gab es Veränderungen: Die früher üblichen Bußzahlungen, die je nach Verbrechen, Stand und Geschlecht der geschädigten Person entrichtet werden mussten, wurden durch Leibesstrafen ersetzt.
Die Literatur- und Kunstgeschchte der Epoche ist geprägt durch die die Hochzeit der Romanik und die Geburt der Gotik in Frankreich, den Beginn des Minnesangs, die Lieder der Troubadoure, neue Formen der Epik sowie der Beginn der fiktionalen Literatur in das 12. Jahrhundert. Selbst die „Entdeckung des Individuums“ wird von Forschern auf diese Zeitspanne, in der autobiographische Texte und portraitähnliche Darstellungen entstanden, zurückgeführt. Die frühen Universitätsgründungen in Europa, etwa in Bologna und Paris, fallen ebenfalls in diese Periode. Ein Wandel, der sich im theologischen Bereich vollzog, war die zunehmende Abkehr vom Bild des strafenden Richtergottes hin zum liebenden, barmherzigen Gott. In dieser ereignisreichen Zeit, die so gar nicht zu der Vorstellung von einem „dunklen Mittelalter“ passen will, lebte Hildegard und wurde durch sie geprägt. Zum Verständnis des Wirkens und der theologischen Vorstellungen der Äbtissin vom Rupertsberg muss man sie im Rahmen dieses zeitlichen Kontextes betrachten.