Land der Hildegard - Hildegard von Bingen

Pfarrkirche Eibingen

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Die Katharer

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Das 12. Jahrhundert war eine Zeit religiöser Aufbruchstimmung: Die große Frömmigkeit und der Wunsch, zu leben, wie die ersten Christen in Zeiten der Urkirche, führten ab dem ausgehenden 11. Jahrhundert zu einer Bewegung freiwilliger Armut, die besonders von Eremiten und Wanderpredigern getragen wurde. In einigen Fällen entstanden aus diesen Wurzeln neue monastische Gemeinschaften oder eigenständige Orden, wovon die kirchliche Anerkennung der Dominikaner und Franziskaner im 13. Jahrhundert zeugt. Einige dieser umherziehenden Gruppen und Prediger vertraten aber Ansichten, die von den Lehren der katholischen Kirche abwichen oder die Kirche zu stark kritisierten. So wurde Arnold von Brescia, ein Reformer und Schüler des berühmten Pariser Philosophen Abaelard, aufgrund seiner harschen Kritik an Kirche und Papsttum mit Unterstützung Friedrichs I. Barbarossa gefangen gesetzt und 1155 hingerichtet. Nur die Gruppen, die sich in die Strukturen der Amtskirche einfügten, entgingen auf Dauer einer Verketzerung.
Mit Beginn der 40er Jahre des 12. Jahrhunderts beunruhigte die Kirche aber besonders eine häretische Gruppe, die sich über Frankreich, den Westen des Reichs sowie Norditalien ausbreitete – die Katharer. In ihrer Lebensweise glichen sie anderen Anhängern der christlichen Armutsbewegung, doch ihr dualistischer Glaube war nicht mit den katholischen Dogmen vereinbar. Nach ihrer Vorstellung war die materielle Welt von Satan geschaffen worden und böse, genauso wie der eigene Leib, der die himmlische Engelsseele einkerkerte. Um die Seele aus diesem Gefängnis zu befreien und wieder in den Himmel zurückkehren zu können, lehnten die Katharer alles Materielle ab. Die ersten Nachrichten über diese Gruppe stammen aus Köln: 1143 schrieb der Propst einer dortigen Prämonstratenserabtei an Bernhard von Clairvaux, dass Häretiker ergriffen und später verbrannt worden seien, die alles Weltliche verachteten, nichts aßen, was durch Zeugung entstand, Sexualität auch innerhalb der Ehe ablehnten und deren Führer, die sich als Vollendete bezeichneten, strengste asketische Normen befolgten. Mit den Idealen Armut, Bescheidenheit und Enthaltsamkeit trafen die Katharer den Nerv der Zeit und waren in allen Bevölkerungsschichten populär. Besonders bedrohlich war für die katholische Kirche, dass der Katharismus kein loser Zusammenschluss von Menschen war, sondern über eine hierarchische Organisation verfügte, die ihn zu einer Art Gegenkirche machte. Die Katharer wurden deshalb mit den verschiedensten Mitteln bekämpft, u.a. wurde im 13. Jahrhundert zu Kreuzzügen gegen sie aufgerufen, Sympathisanten waren mit harten Strafen bedroht, und schließlich rief das Papsttum Anfang des 13. Jahrhunderts die Inquisition ins Leben. Nachdem ihre Organisation zerstört worden war, verschwanden die letzten Katharer zu Beginn des 14. Jahrhunderts.
Auch Hildegard von Bingen, die über ihre zahlreichen brieflichen Kontakte sowie durch den zentralen Standort ihres Klosters immer gut über das aktuelle Geschehen informiert war, hatte sicher schnell von der Verbreitung häretischen Strömungen erfahren. Im Rahmen ihrer Predigtreisen kam sie auch nach Köln, wo 1163 wie bereits 1143 eine Gruppe Katharer verbrannt worden war. In ihrer Predigt schilderte sie ihre Haltung zu den Häretikern, die sie aufgrund ihrer – nach Hildegards Ansicht nur oberflächlichen – Freundlichkeit, Keuschheit und ihres tadellosen Lebenswandels als sehr gefährlich erachtete. Die Kunde von dieser Ansprache drang bis nach Mainz, wo man auch zu hören wünschte, wie Hildegard „über die Irrlehren der Katharer“ dachte. Sie erfüllte diesen Wunsch und sandte einen Brief in die Domstadt: „Sie sind es, die die ersten Ursprünge leugnen, d.h., dass Gott alles erschaffen hat und befahl, dass es keime, wachse und sich entwickle“. Hildegard sah in den Katharern die Wegbereiter des Teufels und riet den Menschen, „das unreine und unheilige Volk“ zu vertreiben, bevor es sie verführen könne. Hildegard verurteilte aber nicht nur die Katharer, sondern tadelte auch die Kleriker, die der Kirche keine Stütze mehr und den Menschen in ihrem Streben nach Reichtum und Nichtigkeiten ein schlechtes Vorbild seien.