Land der Hildegard - Hildegard von Bingen

Kloster Eibingen

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Kaisertum und Papsttum

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Als Hildegard 1098 geboren wurde, schwelte schon seit mehr als 20 Jahren ein tiefreichender Konflikt zwischen Kaiser und Papst. Der Ursprung des Streits lag in der Frage, ob Geistliche von Laien in ihre Ämter eingesetzt werden durften oder nicht. Die kirchliche Reformbewegung des 11. Jahrhunderts, deren Ziel es war, den reinen Zustand der Urkirche wiederherzustellen, sah diese Praxis als simonistisch an, d.h. als Kauf bzw. Verkauf eines Kirchenamtes. In einem weiteren Schritt wurde auch der König, der sich selbst als von Gott berufener Stellvertreter Christi auf Erden betrachtete, als Laie aufgefasst, womit ihm sein bisheriges Recht auf die Einsetzung (Investitur) von Bischöfen und Äbten abgesprochen wurde. Ein solches Verbot bedeutete für das Königtum einen starken Eingriff in die Organisationsstruktur des Reiches, denn die Reichskirche war eine wichtige Stütze der königlichen Herrschaftsgewalt. Seit der Zeit Ottos I. (936-973) übertrugen die ottonischen und salischen Herrscher an Bischofssitze und Klöster Hoheitsrechte wie Markt, Münze und Zoll oder sogar ganze Grafschaften. Dadurch wurden deren Oberhäupter zu mächtigen und selbstbewussten Amtsherren, die den König entlasten konnten. Aus diesem Grund wollte er seinen Einfluss auf ihre Wahl und deren Treueverpflichtung nicht aufgeben. Für den damaligen König Heinrich IV. stand aber noch weit mehr auf dem Spiel: Noch sein Vater Heinrich III. hatte auf den Synoden von Sutri und Rom drei Päpste abgesetzt und auch über den Einfluss verfügt, seinen Favoriten dieses Amt zu verschaffen. Mit der Reduzierung des Königs auf einen einfachen Laien drohte diese Macht verloren zu gehen, wohingegen sich das Papsttum aufmachte, die stärkere Position einzunehmen.
Der Investiturstreit brach endgültig aus, als Papst Gregor VII. dem König, der eigenmächtig mehrere Bischöfe in Oberitalien eingesetzt hatte, im Dezember 1075 einen drohenden Brief schrieb, um ihn zum Einlenken zu bringen. Er erreichte damit das Gegenteil. Am 24. Januar 1076 erklärten die Reichsbischöfe und Heinrich IV. den Papst für abgesetzt: „Ich, Heinrich, durch die Gnade Gottes König, sage dir zusammen mit allen meinen Bischöfen: Steige herab, steige herab!“. Gregor der VII. reagierte umgehend: Auf der Fastensynode von 1076 enthob er Heinrich seines Amtes, sprach den Bann über ihn und löste seine Untergebenen von dem Treueid. Wie sich zeigte, war der Papst auf der stärkeren Seite und es kam 1077 zu dem sprichwörtlichen „Gang nach Canossa“, wo Heinrich ihn um Vergebung bat und wieder in den Schoß der Kirche aufgenommen wurde. Doch der Frieden währte nur kurz; bald darauf bannte Gregor VII. den König erneut und im Reich musste sich Heinrich mit einem Gegenkönig auseinandersetzen. Es folgte eine Zeit heftiger Kämpfe und für viele seiner Gegner galt Heinrich, der sich 1084 durch den von ihm eingesetzten Gegenpapst zum Kaiser salben ließ, als der Antichrist. Diese Meinung teilte auch Hildegard, wenn sie im Liber divinorum operum von einem ragalis nominis iudex (Richter mit Königswürde) spricht, der die Zeit des Niedergangs eingeleitet habe. In der Forschung wurde dieser iudex vielfach als Heinrich identifiziert. Als Hildegard sieben Jahre alt war, spielten sich in ihrer unmittelbaren Umgebung dramatische Ereignisse ab: Heinrichs gleichnamiger Sohn und Mitkönig, der sich der Reformbewegung verpflichtet sah, und sich im Dezember 1104 mit einigen Fürsten gegen seinen Vater verbündet hatte, überlistete ihn bei Bingen durch eine vorgetäuschte Versöhnung, ließ ihn auf der Burg Böckelheim gefangensetzen und zwang ihn zur Abdankung. Nun ruhte alle Hoffnung auf Heinrich V., doch die Gegensätze waren zu groß. 1111 nahm Heinrich V. Papst Paschalis II. gefangen und zwang ihn zur Kaiserkrönung sowie zur Übertragung des Investiturrechts an Heinrich. Die erzwungene Situation führte aber nicht zu einer Lösung des Konflikts. Diese brachte erst das Wormser Konkordat von 1122, dem Heinrich zustimmen musste, da die meisten Fürsten im Reich nicht mehr hinter ihm standen. Der Kaiser verzichtete damals auf die Investitur mit Ring und Stab, durfte aber in Deutschland bei der Wahl anwesend sein und den Äbten und Bischöfen mit dem Zepter die mit dem Amt verbundenen Regalien verleihen und den Lehnseid einfordern. Der Investiturstreit zeigt, dass Hildegard in einer Zeit lebte, in der die beiden Gewalten Papsttum und Kaisertum noch um die Vorherrschaft im Spiel der Mächte kämpften. Dabei befand sich das Papsttum zunehmend in der stärkeren Position und entwickelte mithilfe eines einheitlichen Rechtssystems, das die päpstliche Autorität als oberste Norm anerkannte, die zentrale Stellung, die es auch heute für die gesamte katholische Kirche besitzt. Auch nach dem Wormser Konkordat kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen und der Aufstellung von Gegenpäpsten und –königen. Die Gefahren, die hieraus für die Gläubigen entstanden, beunruhigten auch Hildegard und trugen wohl dazu bei, dass sie ihre Epoche als tempus muliebre, als weibische Zeit, bezeichnete; eine Zeit, in der der Glaube schwach, die Kirche verweichlicht und die Welt ungerecht sei - und die mehr denn je einer Stimme bedurfte, die die Menschen den Weg zur Umkehr wies.