Land der Hildegard - Hildegard von Bingen

Pfarrkirche Eibingen

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Philosophische Strömungen

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Wie viele Theologen des Mittelalters kann Hildegard von Bingen in ihren Ansichten über Gott, die Schöpfung und insbesondere den Menschen auch als Philosophin gelten. In der philosophischen und theologischen Forschung wird sie wie Otto von Freising, Anselm von Havelberg, Gerhoh von Reichersberg oder Rupert von Deutz dem „Geschichtssymbolismus“ bzw. dem „deutschen Symbolismus“ zugeordnet. Diese historisch-allegorische Methode der Auslegung der Heiligen Schrift verbindet geschichtliche Abläufe mit theologischem Denken. Historische Ereignisse wurden als Teil der Heilsgeschichte verstanden. Es wurde versucht, die Erkenntnis der Gesamtwirklichkeit zu erlangen und den heilsgeschichtlichen Sinn zu erfassen. Mit diesem Verständnis konnte auch die Bibel als historisches Buch verstanden und auf die eigene Zeit bezogen werden.
Eine ganz andere Haltung nahm Abaelard ein, der v.a. in seiner Schrift Sic et non eine neue Methodik entwickelt: Er suchte nach Widersprüchen in den Werken der Kirchenväter und der Bibel, setzte sich über den bisherigen Dogmatismus hinweg, um zu zeigen, dass allein eine Interpretation die Lösung von Konflikten in den Texten bringen konnte. Für ihn war der Schlüssel zur Einsicht das Fragen. Er war damit einer der wichtigsten Wegbereiter der von den Schriften des Aristoteles geprägten scholastischen Methode. In der Folge gewann die Dialektik innerhalb der Freien Künste eine immer größere Bedeutung und mit ihr die Vernunft (ratio) als Erkenntniskriterium. Die autoritätsgläubige Front, die seit Augustinus die Theologie bestimmt hatte, begann nun langsam zu bröckeln. Theologische Fragen wurden aufgrund theoretischer Erwägungen, wie dem Aufstellen von Hypothesen und deren Widerlegung oder Bekräftigung, mittels logischer Argumente beantwortet. Die Allmacht Gottes wollten die Scholastiker durch ihre Vorgehensweise aber nicht infrage stellen, sondern stärken. Es war die Zeit des intellektuellen Aufbruchs Europas. Trotzdem hatte diese Methode auch entschiedene Gegner, wie Bernhard von Clairvaux oder Rupert von Deutz und auch den Ansichten Hildegards von Bingen widersprachen diese Ansichten deutlich:

„Denn du darfst die Geheimnisse Gottes nicht weiter erforschen als die göttliche Majestät will, dass wegen der Liebe zu den Gläubigen offenbart wird“.

Dass das 12.Jahrhundert auch eine Zeit reger Übersetzungstätigkeit war, stellte eine Voraussetzung für die Entwicklung der Scholastik und der neuen Denkrichtungen dar: Medizinische, naturkundliche und philosophische Werke antiker Gelehrter wurden aus dem Griechischen und dem Arabischen übersetzt. So gelangten im Westen bisher unbekannte Schriften des Aristoteles, Euklid, Archimedes oder Galens wieder ans Licht der Öffentlichkeit.