Land der Hildegard - Hildegard von Bingen

Pfarrkirche Eibingen

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Sexualität

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Sexualität – oder gut mittelalterlich gesprochen: die „fleischliche Lust“ (libido carnalis) – kam nach christlicher Vorstellung des Mittelalters mit dem Sündenfall auf die Erde und hob den Zustand paradiesischer Unschuld auf. Der Apostel Paulus und ihm folgend Augustinus († 430) propagierten das Ideal der Jungfräulichkeit zu dem allerdings nicht alle Menschen berufen seien. Akzeptiert wurde die Sexualität allein innerhalb der Ehe und zum Zweck der Fortpflanzung, wie es das biblische Zeugungsgebot (Genesis 1,28) forderte. Der eheliche Geschlechtsverkehr konnte von den Ehepartnern eingefordert werden, da er als pflichtschuldig galt (debitum matrimoniale) und der Minderung der Triebhaftigkeit (remedium concupiscentiae) dienen sollte. Impotenz war deshalb ein anerkannter Trennungsgrund. Die Kirche lehnte alle „widernatürlichen“, d.h. auf den bloßen Lustgewinn gerichteten, Formen der Sexualität strikt ab und gab den Menschen Zeiten der Enthaltsamkeit vor, die etwa die Hälfte der Tage eines Jahres betrafen (Feiertage, Sonntage, Freitage, Zeit der Menstruation, Schwangerschaft, Stillzeit). Es galt als Zeichen des Verstoßes gegen diese Regeln, wenn behinderte oder epilepsiekranke Kinder geboren wurden. Bußbücher, in denen die Sünden und die dafür vorgesehenen Bußen aufgelistet waren, bezeugen allerdings, dass diese Regeln nicht selten übertreten wurden. Um 1140 stellte der Kirchenrechtler Gratian unter Berufung auf Augustinus ein Schema auf, das Formen der „Unzucht“ (luxuria) abstufte. Dabei folgten auf die „einfache Unzucht“ (z.B. ein Bordellbesuch) Ehebruch, Blutschande (Inzest) und die Sünde wider die Natur (Selbstbefriedigung, Sodomie, Homosexualität, „ungehöriger“ Verkehr in der Ehe wie Anal- oder Oralverkehr).

Zu gleicher Zeit entstanden medizinischen Schriften wie das Werk De coitu des Constantinus Africanus (2. Hälfte 11. Jahrhundert), das grundlegend wurde für viele Schriften anderer Autoren, die sich mit dem Thema Sexualität befassten. Er sah maßvoll praktizierten Beischlaf als gesundheitsfördernd an. Die Mediziner beschrieben auch die Geschlechtsorgane sowie Erkrankungen und Anomalien, den Vorgang der Zeugung, Schwangerschaft und Geburt ohne Prüderie. In dieser Tradition sind auch die Äußerungen Hildegards von Bingen zu diesen Themen zu sehen, die sie v.a. in ihrer heilkundlichen Schrift Causae et Curae ausführt. Auch für sie sollte Sexualität in erster Linie der Zeugung von Nachkommen dienen, war aber im Idealfall immer mit einem partnerschaftlichen Verhältnis und gegenseitiger Liebe verbunden: „Wie deshalb Adam und Eva ein Fleisch waren, so werden auch jetzt Mann und Frau ein Fleisch in der Liebesvereinigung zur Vermehrung des Menschengeschlechts. Daher muss zwischen beiden vollkommene Liebe herrschen wie zwischen den ersten Menschen“. Sie war der Ansicht, Männer seien leidenschaftlicher und nur bedingt zu Enthaltsamkeit fähig, während „die geschlechtliche Lust bei der Frau mit der Sonne verglichen werden (kann), die milde und leicht und ständig die Erde mit ihrer waren Glut durchdringt, auf dass sie Früchte hervorbringe“. Entsprechend der Temperamentenlehre gab Hildegard auch Ratschläge zur Wahl eines geeigneten Partners. Demnach seien z.B. Choleriker potent, aber untreu, während Melancholikerinnen zu Unfruchtbarkeit neigen würden und ohne den Kontakt zu Männern gesünder seien. Detailliert wandte sie sich auch den Themen der Empfängnis, Schwangerschaft und Geburt zu, wobei sie – anders als viele ihrer männlichen Kollegen – die Geschlechtslust nicht durchweg negativ, sondern als Voraussetzung für die Zeugung beurteilte, bei der sie der Frau eine aktive Rolle zuschrieb.