Land der Hildegard - Hildegard von Bingen

Klosterruine Disibodenberg

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Benediktiner

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Die Benediktiner, die bis ins 13. Jahrhundert als fratres qui secundum Deum et b. Benedicti regulam vivunt bezeichnet wurden, führten, wie der lateinische Name besagt, ein Leben gemäß der Benediktregel, die der Mönch Benedikt von Nursia zwischen 530 und 560 ausgehend von bereits bestehenden Mönchsregeln verfasst hatte. Seit dem 9. Jahrhundert war diese Regel zur Richtschnur der Klöster im karolingischen Reich geworden. Dies änderte sich erst mit der Durchsetzung des augustinischen Kanons im 11. Jahrhundert sowie der Gründung der Bettelorden im 13. Jahrhundert. Die Grundlage der Regel bildete das Bestreben, Gebet und Arbeit zu verbinden, wie es auch das bekannte Motto ora et labora ausdrückt. In 73 Kapiteln beschrieb Benedikt, wie das Leben innerhalb der Klostergemeinschaft idealerweise verlaufen sollte. Themen waren die Klosterverfassung, Tugendlehre, Gottesdienst, Strafen für Verfehlungen, Verwaltung, Abtwahl, Rechte und Pflichten sowie die Aufnahme neuer Mitglieder.

Der Eintritt in ein benediktinisches Kloster verpflichtete zur stabilitas loci (Ortsbeständigkeit), conversatio morum (Umstellung auf einen klösterlichen Lebenswandel), paupertas sancta (Armut, d.h. Verzicht auf privaten Besitz), discretio (Maßhaltung) und oboedientia (Gehorsam). Der Abt nahm in dieser fast familiär geordneten Gemeinschaft die Rolle des geistigen Vaters und Oberhaupt des Klosters ein. Ihm standen Mönche zur Seite, die verschiedene Ämter innehatten, wie der Prior (Stellvertreter des Abtes), Verwalter (cellerarius), Novizenmeister (magister novitiorum), Kantor, Gastpater (hospitalarius), Krankenbruder und Pförtner (ostiarius). Die Kleidung der Mönche, die im wesentlichen aus einer Tunika bestand, über der die faltenreiche Kukulle sowie das Skapulier (Schulterkleid) mit Kapuze getragen wurde, sollte schwarz gefärbt sein.

Ihr Tagesablauf wurde nicht von Tag und Nacht in Wachens- und Schlafenszeit unterteilt, sondern durch die Stundengebete gegliedert. Für das Nachtoffizium, die Vigilien, wurden sie zwischen ein und zwei Uhr geweckt; bei Tagesanbruch folgte das Singen und Beten der Laudes. Der Tag selbst war den Studien und der Arbeit vorbehalten und wurde von den kleinen Horen, Prim (ca. 6.00 Uhr), Terz (ca. 9.00 Uhr), Sext (ca. 12.00 Uhr) und Non (ca. 15.00 Uhr), unterbrochen. Die Mahlzeiten nahmen die Mönche in der Regel nach der Sext und nach der Vesper ein, die etwa um 18.00 Uhr stattfand. Mit der Komplet (zwischen 19 und 20 Uhr) neigte sich der Tag dem Ende zu und die Nachtruhe begann. Die Gebete sollten auch dem Seelenheil der Menschen außerhalb des Klosters dienen sowie im Gedächtnisgebet der Memoria (Gedenken) der Verstorbenen. Nach Benedikt waren etwa acht Stunden Zeit zur Ruhe, vier Stunden für das Studium und die geistlichen Lesung, drei bis vier Stunden für das Gebet und sechs bis acht Stunden für die Arbeit vorgesehen.

Auch Hildegard von Bingen lebte mit ihren Schwestern auf dem Rupertsberg nach der Benediktregel, die von Äbten und Äbtissinnen wie ein Gerüst genutzt wurde, das man mit zeitgemäßen Gewohnheiten ummantelte. Dass Hildegard die Regel in eben diesem Sinne sah und befolgte, zeigt ein Brief von ihr an die Mönchsgemeinschaft von Hunna, in dem sie 35 der 73 Kapitel der Regula S. Benedicti kommentiert: „Was nämlich verboten ist, untersagt die Regel offen. (…) Was sie aber verschweigt, das legt sie in das Belieben von Abt und Brüdern“. Mit dieser offenen Interpretation, die sie z.B. auf das Schweigegebot, Schlafenszeiten oder die Mahlzeiten anwandte, unterschied sie sich von den Klosterreformern ihrer Zeit, die nicht ausdrücklich Erlaubtes als verboten betrachteten. Das bedeutete allerdings nicht, Hildegards Führung sei lasch oder nachlässig gewesen, denn in ihrer Vita erfahren wir, dass sich die Nonnen heimlich über ihre hohen Anforderungen beklagt hätten. Ein besonders großes Anliegen war es Hildegard aber, dass in allen Bereichen das richtige Maß einzuhalten sei; eine übermäßige Askese lehnte sie strikt ab.