Land der Hildegard - Hildegard von Bingen

Rochuskapelle

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Reformanhängerinnen

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Vor dem 12. Jahrhundert war die Zahl der Frauenklöster eher dünn gesät. Dies änderte sich im Zuge der Reformbewegung, von der sich besonders viele Frauen angesprochen fühlten. Nun standen ihnen vermehrt Möglichkeiten offen, ein Leben in der Nachfolge Christi in evangelischer Strenge zu führen. Eine dieser Frauen war Herluka, die von Wilhelm von Hirsau († 1091), dem Abt des Reformklosters Hirsau, als Seelsorger betreut wurde. Sie ließ sich als Einsiedlerin in Epfach am Lech nieder, wo sich ihr bald weitere Frauen anschlossen und in frommer Gemeinschaft mit ihr lebten. Die Witwe Paulina, die um 1100 das Doppelkloster Paulinzella gründete, ist ein weiteres Beispiel für die religiöse Aufbruchsstimmung der Zeit. Besonders unter Frauen fand auch Robert von Arbrissel, der 1096 durch den Papst mit der Aufgabe zu Predigen betraut wurde, ein große Anhängerschaft. Er übte Kritik an den reichen Klöstern und Kirchen und führte selbst ein Leben als Wanderprediger nach dem Vorbild der Apostel. 1101 gründete er das Doppelkloster Fontevrault, das er 1115 sogar komplett der Leitung einer Äbtissin unterstellte. Auch Jutta von Sponheim war von dem Geist dieser Zeit durchdrungen, als in ihr der Wunsch reifte, ihr Leben Gott zu weihen. In ihrem asketischen Streben war sie eine typische Vertreterin der Reform. Die von ihr geleitete Klause auf dem Disibodenberg war eine von vielen Alternativen des ausgehenden 11. und beginnenden 12. Jahrhunderts für Frauen, die sich zu einem solchen Leben berufen fühlten oder, wie Hildegard, von ihren Eltern dafür vorgesehen waren.

Das Leben als Kanonisse war eine weitere Option für Frauen in spiritueller Gemeinschaft zu leben. Sie legten oft kein Gelübde ab, konnten das Stift für Besuche verlassen, dann auch heiraten und verfügten über Eigenbesitz. Aus diesem Grund kritisierten die Reformanhänger die Lebensweise der Kanoniker und Kanonissen. Die Kritik führte Mitte des 11. Jahrhunderts zur Kanonikerreform und zur Entstehung der Regularkanoniker, die den Besitz aufgaben und der Regel des heiligen Augustinus folgten. Schon von Beginn an integrierte diese Bewegung auch Frauen und es kam zur Gründung von Doppelklöstern und Frauenstiften. Insbesondere die streng asketisch lebenden Prämonstratenser fanden Anklang bei vielen Frauen. Auch Tenxwind von Andernach, die mit Hildegard einen berühmten Briefwechsel führte, lebte zunächst im Doppelkloster Springiersbach, wo ihr Bruder Richard Propst war. Im Laufe des 12. Jahrhunderts wurde die Forderung einer strengen Klausur für Frauen immer lauter und das gemeinsame Leben von Mönchen und Nonnen in einem Kloster zunehmend abgelehnt. So wurde in Springiersbach, wie auch in vielen anderen Doppelklöstern, der Frauenkonvent abgetrennt und ein separates Kloster errichtet; im Fall von Tenxwind das Stift Andernach. Die Zisterzienser hingegen standen einer Aufnahme von Frauen zunächst ablehnend gegenüber, was sich aber bereits gegen Ende des 12. Jahrhunderts änderte. Im 13. Jahrhundert existierten fast genauso viele Nonnen- wie Mönchszisterzen.

Hildegard erscheint im Hinblick auf die Reform eher konservativ: Sie lehnte übertriebene Askese, Armut des Konvents sowie Handarbeit zur Sicherung des Unterhalts ab und kritisiert auch die andersfarbigen Gewänder der neuen Orden. Da sie in ihrer Zeit auf dem Disibodenberg auch die andere Seite kennengelernt hatte, kann man davon ausgehen, dass sie sich bewusst gegen diese „Neuerungen“ entschied. Allerdings strebte sie auch erfolgreich danach, sich aus der Abhängigkeit des Männerklosters zu lösen, um auf dem Rupertsberg eine eigene Form klösterlichen Lebens zu schaffen und war damit vielleicht eher eine „konservative Revolutionärin“ als eine „Traditionalistin“, wie es der Historiker Franz Felten ausdrückt.