Land der Hildegard - Hildegard von Bingen

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Kaiser Friedrich I. Barbarossa

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Klare Position und klare Worte

Trotz Kritik an seiner Herrschaft bestätigte Kaiser Friedrich I. Barbarossa die Klostergründung Hildegards

Hildegard von Bingen war Prophetin, Mystikerin und Visionärin, sah in ihren „Schauen“ Bilder von dem Zusammenhang und dem Zusammenwirken von Diesseits und Jenseits, von Gott, den Menschen und dem Kosmos. Ihr Werk ist bis heute bekannt. Es musste im 12. Jahrhundert wegen mancher Neuerungen und Brechung des Althergebrachten jedoch erst einmal durchgesetzt werden. Ohne die Unterstützung der politischen Kräfte ihrer Zeit wäre das ebenso wenig möglich gewesen wie ohne Hildegards eigenes Eingreifen in die Politik und das Kämpfen für ihre Sache.

Bekannt wurde Hildegard in ihrer Zeit durch ihr selbstbewusstes und charismatisches Auftreten. Ein Auftreten, das auch den kirchlichen und weltlichen Würdenträgern nicht verborgen geblieben sein kann. Wie sonst hätte sie ihre Intentionen, ihre in vielen Predigten geforderte Umkehr und Hinwendung zu Gott umsetzen können? Wie hätte sie ohne geschicktes politisches Taktieren ihr eigenes Kloster auf dem Rupertsberg gründen und dieses unter den Schutz Kaiser Barbarossas stellen können?

Die Echtheit des im Wiesbadener Riesenkodex überlieferten Briefes Barbarossas ist umstritten. Damit ist auch nicht geklärt, ob sie Friedrich I., genannt Barbarossa, tatsächlich in der Ingelheimer Kaiserpfalz Auge in Auge gegenüber stand, als seine Beraterin fungierte. Dass Hildegard die Korrespondenz mit dem am 4. März 1152 im nahen Frankfurt gekrönten König und späteren Kaiser als wichtigsten weltlichen Herrscher suchte, ist klar. Sie gratulierte nicht nur zur Wahl, Hildegard hatte von Anfang an große Hoffnungen auf Friedrich gesetzt. Drei Briefe Hildegards sind erhalten, zumindest einmal antwortete ihr der Kaiser (Zweifaltener Codex).

Der Ton, den Hildegard gegenüber dem Kaiser anschlug, änderte sich. Lobte sie zunächst seinen Namen und hoffte mit ihm als Friedensstifter auf eine weise, eine gerechte Regierungszeit („O du König, bezwinge mit dem Zepter der Barmherzigkeit die trägen, unsteten und wilden Sitten. Denn du hast einen ruhmreichen Namen, weil du König in Israel bist. Gar ruhmreich ist dein Name.“), hörte sich dies ein Jahr später anders an, als der Mainzer Erzbischof Heinrich abgesetzt wurde. Hildegard ergriff gegenüber dem Kaiser Partei für Heinrich.

Dem Bischof verdankte sie viel. Ohne ihn wäre sie wohl nicht die Person, deren Bedeutung bis heute besteht. Heinrich hatte 1147 Papst Eugen III. in Trier über Hildegards Visionen in Kenntnis gesetzt. Er hatte ursächlich die Kommissionen veranlasst, die das Göttliche der Visionen bestätigten, und den Papst dazu gebracht, selbst Teile der „Liber Scivias“ vorzulesen. Die Folge: Hildegards Name, ihr Ruhm und ihre Lehre verbreiteten sich in ganz Europa.

Heinrichs Absetzung war ein Politikum, war der Mainzer Erzbischof doch Reichsverweser für den Stauferkönig Konrad III., der sich von 1147 bis 1149 auf einem Kreuzzug ins Heilige Land befand. Mit Papst Eugen als Gegner hatte Heinrich zu kämpfen, weil er, der die Oberhoheit des Papstes diesseits der Alpen nur schwer anerkennen konnte, sich trotz Aufforderung 1148 nicht zur Synode nach Reims begab. Als schließlich 1152 Friedrich Barbarossa König wurde, musste Heinrich ins Exil gehen, hatte er doch Konrads damals achtjährigen Sohn Friedrich, einen Vetter Barbarossas, für die höchste Reichswürde protegiert.

In ihrem zweiten Brief an Barbarossa ergriff Hildegard eindeutig Partei für Bischof Heinrich. Barbarossas Parteinahme in innerkirchliche Angelegenheiten, die Papst Eugen zur Absetzung Heinrichs veranlassten, konnte sie nicht gutheißen. Vor der geplanten Absetzung ermahnte Äbtissin Hildegard den Kaiser, dass er „vorsichtig“ sein möge. „Ich sehe dich nämlich in der geheimnisvollen Schau wie ein Kind, einen unsinnig Lebenden vor den lebendigen Augen Gottes. (…) Gib acht, dass der höchste König dich nicht zu Boden streckt wegen der Blindheit deiner Augen, die nicht richtig sehen, wie du das Zepter zum rechten Regieren in deiner Hand halten musst.“ Ähnlich wendet sich Hildegard auch an Papst Eugen III. Das Verhältnis zwischen Hildegard und Barbarossa wurde von der Zurechtweisung der Nonne nicht gestört, blieb ehrlich, fast auf Augenhöhe.

Ein Schreiben Barbarossas an die Nonne vom Rupertsberg besagt, dass er sie in der Ingelheimer Kaiserpfalz kennenlernen wollte, sich beide gegenüberstanden: „Wir machen deiner Heiligkeit bekannt: Das, was du uns vorhergesagt hast, als wir uns in Ingelheim aufhielten und dich baten, vor uns zu erscheinen, halten wir schon in Händen. Aber trotzdem werden wir nicht aufhören, uns mit aller Anstrengung um die Ehre des Reiches abzumühen. (…) Du wolltest mit deinen dir anvertrauten Schwestern für uns zum allmächtigen Gott beten (…), damir Er uns so zu sich wende, dass wir Seine Gnade erlangen können. Du darfst aber überzeugt sein, dass wir bei jedem Anliegen, das du uns vorbringst, weder die Freundschaft noch den Hass irgendeiner Person berücksichtigen werden, sondern uns vorgenommen haben, allein im Hinblick auf die Gerechtigkeit zu urteilen“.

In manchen seiner politischen Entscheidungen zog sich Friedrich Hildegards Zorn zu, etwa beim Schisma 1159, bei dem zwei Päpste ernannt wurden und beide beanspruchten, der einzig rechtmäßige und gottgewollte zu sein. Erst 1177 entschied Alexander III., auf dessen Seite Hildegard stand, diese Frage für sich. Friedrich hatte 18 Jahre lang einen Gegenpapst nach dem anderen installiert.

Der dritte Brief Hildegards an Barbarossa, wahrscheinlich erst nach dessen Schutzurkunde für das Kloster Rupertsberg 1163 verfasst, kündet von den Vorfällen: „Gott spricht: Trotz vernichte ich, und den Widerspruch derer, die mich geringschätzen, zermalme ich um meiner selbst willen. Wehe, wehe, dieser Übeltat der Frevler, die mich verachten! Das vernimm, o König, wenn du leben willst; sonst wird dich mein Schwert treffen“.

Friedrich I. Barbarossa setzte sich gegen viele seiner Widersacher und päpstliche Anhänger zur Wehr. Hildegard blieb jedoch trotz ihrer klaren Worte verschont. Noch mehr: Kaiser Friedrich hatte alle ihre Besitzungen nochmals beurkundet, ihre Klostergründung damit von Seiten der höchsten weltlichen Instanz bestätigt. Zweifellos ein riesiger politischer Erfolg für eine Frau des 12. Jahrhunderts.

Text: Jochen Werner
Foto: privat